29.05.2012
Schwaz

Gedenken, Begegnungen und gelebte Ökumene

Am Pfingstwochenende wurde im Zillertal der Vertreibung von 427 evangelischen Talbewohnern im Jahre 1837 gedacht.
Kommentar

Von Peter Hörhager

und Angela Dähling

Mayrhofen – Mehr als 20 Tage benötigten im Sommer 1837 die Zillertaler „Inklinanten“ für die 678 Kilometer lange Strecke vom Zillertal nach Niederschlesien, wo damals 416 der 427 Vertriebenen eine­ neue Heimat gefunden hatten. Zur 175-Jahr-Gedenkfeier waren ihre Nachfahren wesentlich schneller ins Zillertal gekommen. „24 Stunden hat die Anreise gedauert“, erzählte Gustavo­ Kausel Kroll, der einer der Vertreter der inzwischen mehr als 600 Personen umfassenden „Zillertaler“ Kolonie in Chile ist. 1856 hatten nämlich eine Reihe der Zillertaler Auswanderer auch Zillerthal-Erdmannsdorf in Schlesien verlassen, um sich in Chile niederzulassen. Vier Monate benötigten die Ex-Tiroler für die Anreise in die 18.000 Kilometer entfernte Region am Llanquihue-See. Dass es in Schlesien bzw. im heutigen Polen keine große Zillertaler-Kolonie gibt, hat einen anderen Grund – die Zillerthal-Erdmannsdorfer wurden 1945 neuerlich vertrieben ...

Zum „Auswanderertreffen“ waren an die 200 Nachfahren der „Inklinanten“ aus Chile­, Australien, Nordamerika, Spanien, Deutschland, Österreich und der Schweiz ins Zillertal gekommen. Sowohl in Schwendau (unterhalb der Burgschrofenkapelle) als auch am Dorfplatz von Rams­au (von dort stammt Johann Fleidl, der Anführer der evangelischen Zillertaler) wurden Gedenksteine aufgestellt und gesegnet. Anhand von historischen Fotos, Dokumenten und Gebrauchsgegenständen wurde bei einer Ausstellung im Europahaus Mayrhofen der Leidensweg der „lutherischen“ Zillertaler dokumentiert. Ein landesüblicher Empfang in Mayrhofen, ein Festabend im Europahaus, Exkursionen in die Auswanderergemeinden, Buchpräsentationen und eine Kranzniederlegung am Grab von Michael Stöckl (er hatte sich für die Revitalisierung eines Zillertaler Hofes in Zillerthal-Erdmannsdorf starkgemacht) rundeten das vom Mayrhofner Marktamtsleiter Wolfgang Stöckl und dem Ramsauer­ Vizebürgermeister Georg Huber­ zusammengestellte Programm ab.

„Die Vertreibung der Zillertaler Prostestanten ist die letzte Vertreibung aus Glaubensgründen in Mitteleuropa gewesen“, erklärte der evangelische Bischof Michael Bünker. Bischof Manfred Scheuer betonte, dass die damalige Vertreibung für katholische Christen „kein Grund gewesen sei, als Sieger zu triumphieren“. Pastor Meinhardt von Gierke erinnerte, „dass katholische und evangelische Christen an denselben Gott glauben“. Und LA Josef Geisler hob in seiner Festrede hervor, dass vielen Zillertalern durch die Gedenkveranstaltung die Gelegenheit geboten wurde, die in alle Welt verstreuten Freunde und Verwandten zu treffen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 29.05.2012
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