Gulasch und die liebe Physik
Zur Person Werner Gruber
Zur Person: Der gebürtige Oberösterreicher Werner Gruber ist Neurophysiker und Mitarbeiter am Institut für Experimentalphysik an der Uni Wien. Er ist u. a. Mitglied der „Science Busters“, einem Veranstaltungsprogramm (welches u. a. im ORF läuft bzw. live im Wiener Rabenhof zu sehen ist), in welchem Physik auf humorvolle Art und Weise der Allgemeinheit nähergebracht wird. Buchtipp: „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“, von Werner Gruber/Heinz Oberhummer/Martin Puntigam. Erschienen im Carl-Hanser-Verlag 2012. Preis: 20,50 Euro.
Herr Gruber, Sie werden von jemandem interviewt, der Physik in der Schule gehasst und daher mit Physik nicht viel am Hut hat ...
Werner Gruber: Falsch. Wenn Sie gehen oder wenn Sie sich ein Ei kochen, haben Sie mit Physik zu tun. Genauso, wenn Sie mit dem Handy telefonieren oder von der Atomkatastrophe von Fukushima hören. Sie beschäftigen sich die ganze Zeit mit Physik, nur ist Ihnen das nicht bewusst.
Nun gut, den physikalischen Gesetzmäßigkeiten kommt man nicht aus. Aber warum fällt es Ihnen als Physiker leicht, derartige Inhalte leicht verständlich zu vermitteln – in der Schule hingegen gelingt das oft nicht?
Gruber: Wir haben ein gewaltiges Problem bei manchen Lehrern im Bereich der Fachkompetenz. Manche Pädagogen wissen schlichtweg nicht, worum es in der Physik geht. Dabei könnte man einen lässigen Unterricht machen, wenn man sich auskennt. Aber – das muss auch gesagt werden: Natürlich ist in der Physik nicht immer alles lustig. Wir bei den „Science Busters“ können uns da natürlich schon publikumswirksame Inhalte aussuchen.
Apropos „Science Busters“: Haben Sie den Eindruck, dass sich durch Ihre Auftritte in TV und auf der Bühne in Sachen Physik in der öffentlichen Wahrnehmung etwas verändert?
Gruber: Wenn ich nach einem Auftritt von einem Jugendlichen zu hören bekomme, dass Physik geil ist, dann freut mich das. Wenn ich auf der Straße erkannt werde und im Flugzeug sitzend physikalische Fakten zum Besten geben soll, dann ebenso. Und dann bekomme ich pro Tag noch rund 200 Mails mit Anfragen von Leuten, die in Sachen Physik Rat haben wollen. Aber es tut mir leid: Die Beantwortung dieser Mails kann dauern ...
In Ihrem neuen Buch geht es darum, was wir von Tieren über Physik lernen können. Was war für Sie selbst ein überraschendes Ergebnis bei den Recherchen dazu?
Gruber: Die Oktopoden, also achtarmige Tintenfische. Weil die von der Intelligenz her vergleichbar mit Menschenaffen sind: Sie lernen durch Zusehen und können vorausschauend planen. Wenn es die Menschen einmal nicht mehr gibt, werden Oktopoden die Weltherrschaft übernehmen. Man sollte daher keine Oktopoden essen, denn man isst ja auch keine Menschenaffen.
Für mich als Laie überraschend war eine andere Meldung: Stimmt es, dass man noch immer nicht genau weiß, warum ein Blitz am Boden einschlägt?
Gruber: Ja. Wir wissen, dass zwischen der Wolkenunterseite – in denen sich das Gewitter zusammenbraut – und dem Erdboden ein Abstand von zwei, drei, vier Kilometern besteht. Und wir wissen, dass die elektrischen Ladungen auf der Wolkenunterseite zum Boden wollen. Luft ist aber nicht elektrisch leitend oder genauer – die so genannte Durchbruchsspannung von der Wolkenunterseite bis zum Boden müsste eigentlich zehnmal stärker sein, als dass der Blitz am Boden einschlägt. Warum es dennoch zu einer Blitzentladung am Boden kommt, weiß man aber immer noch nicht genau. Folgendes wäre möglich: Dass radioaktive Strahlung aus dem Weltraum die Luft ionisiert, dann kann der Blitz über diesen Ionenkanal herunterkommen.
Sie sind auch bekannt dafür, Abläufe beim Kochen mit den Augen eines Wissenschafters zu sehen. Verraten Sie uns einen Ihrer Tipps?
Gruber: Ich könnte jetzt einen Zwei-Stunden-Vortrag zum Thema Gulasch halten. Aber nur die Quintessenz daraus: Gulasch sollte sechs bis acht Stunden gekocht werden. Denn das Fleisch besteht aus zähem Kollagen und Eiweiß. Durch das lange Kochen wandelt sich Kollagen jedoch in weiche Gelatine um, sprich: Das Fleisch wird mürbe und gleichzeitig habe ich durch die ausgetretene Gelatine etwas, das die Sauce bindet. Dann brauche ich kein Mehl mehr. Es ist sinnvoll, die Gesetzmäßigkeiten der Physik auch beim Kochen anzuwenden ...
Sie haben die Physik auch durch einen Papierfliegerwettbewerb für die breite Masse zum Thema gemacht. Wie ist das gelungen?
Gruber: Vor ein paar Jahren – zum 100. Geburtstag der Relativitätstheorie – hat es geheißen: „Gruber, lassen Sie sich etwas Öffentlichkeitswirksames einfallen.“ Daraus ist die Idee des Papierfliegerwettbewerbs, gesponsert von Red Bull, entstanden. Heuer hat bereits die dritte Weltmeisterschaft in Salzburg stattgefunden, mit 400 Teilnehmern. Vor allem in Amerika ist das ein totaler Hype. Jetzt wollen wir schauen, dass das Ganze olympisch wird. Denn Papierfliegerwerfen ist ein charmanter Sport. Der offizielle Rekord, was die Weite betrifft, liegt übrigens bei 80 Metern aus dem Stand. Dann gibt es einen zweiten Bewerb, wie lange der Papierflieger in der Luft bleibt: Da liegt der Weltrekord bei 27,7 Sekunden in einem geschlossenen Raum.
Hätten Sie sich einst als Student gedacht, dass Sie mit Physik so in die Allgemeinheit vordringen können?
Gruber: Nein, nie im Leben. Aber ich bin auch nach wie vor als Forscher tätig, veröffentliche wissenschaftliche Arbeiten. Und wenn ich nicht in Ruhe forschen könnte, würde ich sagen, danke – das war‘s!
Das Interview führte Irene Rapp



