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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 23.04.2013

Die Arche Noah der Neuzeit

122 Meter lang, 25 Meter breit, 3000 Tonnen schwer: Der niederländische Zimmermann Johan Huibers hat die Arche Noah nachgebaut. Dafür orientierte er sich exakt am 4000 Jahre alten Vorbild aus der Bibel. Seit einigen Wochen ist der schwimmende Holzgigant für Besucher zugänglich.

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Von Judith Sam

Sollte die Welt von einer Sintflut heimgesucht werden, wird zumindest ein Teil der niederländischen Fauna überleben – Johan Huibers sei Dank. Der 54-jährige Bauunternehmer und Zimmermann aus Nordholland baute nämlich die Arche Noah exakt nach den Vorgaben der Bibel nach. Auch sie hat drei Stockwerke und eine Zugangstüre an der Backbordseite.

Der 122 Meter lange Holzkoloss ankert im Hafen von Dordrecht, einem kleinen Städtchen 20 Kilometer südöstlich von Rotterdam. Doch so sehr das Schiff dem Original aus dem Buch Genesis auch ähneln mag, einige Unterschiede gibt es: Während Noah 120 Jahre für den Erbau benötigt haben soll, musste Huibers „lediglich“ 14 Jahre in die Planung und weitere zwei Jahre in die Umsetzung investieren. Huibers’ Arche wurde nicht mit Pech verschmiert, doch abgesehen davon gab er sich Mühe, sich an die „biblische Bauanleitung“ zu halten: „Als Holz haben wir schwedische Kiefer verwendet, denn das kommt dem Zypressenholz, das Gott Noah zu verwenden auftrug, am nächsten.“ Der wohl größte Unterschied ist jedoch, dass die holländische Arche für Besucher zugänglich ist: Mehr als 3000 Touristen können die 20.000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche an Board des Riesenschiffs täglich betreten.

Genau das war das Ziel des ambitionierten Bauherren. Denn hinter dem Projekt stand nicht die Absicht vorzubeugen, sollte die Welt eines Tages untergehen. Huibers hatte ein missionarisches Interesse: Folgende Zeilen aus der Bibel waren ihm nämlich nahegegangen – „Gott sah, dass die Menschen böse dachten und handelten, weswegen er bereute, sie gemacht zu haben. Darum wollte er sie vernichten. Da aber Noah vor Gott Gnade gefunden hatte, wollte er ihn verschonen und gab ihm die Arche in Auftrag. Darin sollte Noah seine Familie und alle Tierarten schützen, während Gott die Erde überfluten wollte.“ Huibers, ein gläubiger Protestant, will die Menschen motivieren, über ihre Lebensbestimmung nachzudenken und sie mit dem Inhalt der Bibel vertraut machen: „Wir wollen den Menschen von Gott erzählen und etwas schaffen, das hilft, die Bibel zu erklären.“

Doch was ist neben dem religiösen Hintergrund noch typisch für die Arche Noah? Unter anderem die Tiere. In einem Ausstellungsraum an Deck findet man daher 1600 Tierarten, darunter Büffel, Zebras, Gorillas, Löwen, Tiger, Bären – allesamt aus Polyester. Nur weniger gefährliche Tierarten wie Hunde, Schafe und Hasen werden lebend in einem Streichelzoo gehalten.

Das gesamte Bauwerk kostete rund vier Millionen Euro, was Huibers zum Teil aus dem Gewinn früherer Projekte finanzierte. Drei Millionen Euro lieh er sich von einer Bank und seine Kirchengemeinde spendet jährlich 500 Euro. „Meine 93 Jahre alte Mutter gab 100 Euro“, sagt Huibers.

Doch nicht alle Familienmitglieder waren begeistert von seiner Vision: seine Frau Bianca, eine Polizistin, eingeschlossen. „Am Anfang fand ich Papas Vorhaben auch ein bisschen seltsam“, erzählt auch Hui­bers’ Sohn Ray. Doch kurz darauf arbeitete er jeden Tag an der Arche. Und: „Jetzt halte ich es für großartig.“

Um das mittlerweile fertige Kunstwerk zu bewundern, muss man jedoch nicht nach Dordrecht reisen. Denn Ende August soll es für fünf Jahre quer durch Europa auf Reisen gehen. Die genaue Route ist allerdings noch nicht bekannt. Und sollte die Welt doch eines Tages von einer Sintflut heimgesucht werden, wird den Geretteten auf Hui­bers’ Arche nicht langweilig werden: Denn an Bord wird Platz für bis zu 1500 Übernachtungsbesucher geboten. Es gibt ein großes Amphitheater, zwei Kinos und ein Restaurant. Infos unter: www.arkvannoach.com.

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