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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 23.04.2013

Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe

Vergewaltigung als politische Waffe wird auch gegen Männer eingesetzt. Da Analsex und Homosexualität in afrikanischen Ländern aber meist verboten sind, waren die Opfer meist zum Schweigen verdammt. Jetzt dürfen sie reden.

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Von H. Wasswa und C. Frentzen (dpa)

Homosexualität und Analsex sind in vielen Ländern Afrikas ein Tabu. Wenn ein Mann vergewaltigt wurde, gilt er als homosexuell. Die Täter nutzen den Missbrauch deshalb seit Jahrzehnten als brutale Kriegswaffe. Jetzt dürfen die traumatisierten Opfer endlich reden.

„Vier von uns wurden in einen Wald gebracht und tagelang immer wieder vergewaltigt. Ich kann nicht lange stehen, aber ich kann jetzt darüber sprechen, weil ich das Trauma überwunden habe.“ So spricht nicht etwa eine Frau über ihre Pein, sondern der 53-jährige Mark. Der Kongolese war im Mai 2010 in seiner Heimat von ruandischen Milizenkämpfern entführt und wiederholt sexuell missbraucht worden. Die Täter dringen dabei nicht nur mit dem Penis in ihre Opfer ein, sondern auch mit Stöcken, Flaschen oder Schraubenziehern. Die Folge sind lebenslange Schmerzen, körperliche und seelische.

International war bisher kaum bekannt, dass auch Männer in den Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent Opfer von Vergewaltigungen werden. Das Thema war jahrzehntelang tabu, weil Analsex in fast allen Kulturen Afrikas als abartig gilt und Homosexualität meist verboten ist. Die Opfer wurden stigmatisiert und fürchteten Diskriminierung und Ausgrenzung. Die Täter wissen: Vergewaltigung als Kriegswaffe hat langwierige, schwer zu bekämpfende Folgen.

Für viele Männer waren das Schweigen und die Geheimniskrämerei ebenso wenig zu ertragen wie der Missbrauch selbst. Das soll sich jetzt ändern: Erstmals kamen in der Vorwoche in der ugandischen Hauptstadt Kampala Überlebende, Sozialarbeiter, Experten und Ärzte zu einer Konferenz zusammen, um endlich ganz offen über die brisante Thematik zu reden.

„Es war ein langer Weg vom Trauma zur Hoffnung für die Betroffenen“, sagt die Sozialarbeiterin Salome Atim, die den traumatisierten Männern seit 2008 in ausführlichen Beratungsgesprächen zu helfen versucht. Zärtlich und dankbar wird sie von ihren Klienten „Mama“ genannt. „Anfangs kamen nur ganz wenige, denn sie fühlten zu viel Scham und Wut, ebenso wie einen starken Selbstzerstörungstrieb.“ Das habe sich mittlerweile dank zahlreicher Aufklärungskampagnen etwa in Fernsehsendungen geändert. „Die Opfer haben jetzt mehr Selbstvertrauen und beginnen, von ihren Erlebnissen zu erzählen.“

Einer der größten Experten ist der Brite Chris Dolan, der an der Makerere-Universität in Kampala seit sechs Jahren das „Refugee Law Project“ (RLP) leitet. Ziel ist es, den Vergewaltigten bei ihrer Rehabilitierung zu helfen und Anlaufpunkt für die allein gelassenen Opfer zu sein. „Die Tatsache, dass es jetzt die weltweit erste Konferenz zu dem Thema und somit ein öffentliches Forum für die Männer gab, zeigt, dass sie nun zumindest das Stigma von sich werfen können“, sagt Dolan.

„Sie lassen die Angst hinter sich, denn sie lernen langsam, dass sie immer noch ganz normale menschliche Wesen sind, auch wenn sie vergewaltigt wurden.“ Früher sei der Schwerpunkt fast ausschließlich auf weiblichen Opfern gelegen, aber nun würden auch männliche Opfer endlich ernst genommen.

Die meisten kommen aus der seit Jahrzehnten unter blutigen Krisen leidenden Demokratischen Republik Kongo, andere aus dem Sudan, Somalia, Ruanda, Burundi, Äthiopien, Eritrea und Uganda. Aber Männer-Vergewaltigungen sind kein rein afrikanisches Phänomen: Eine kürzlich publizierte Studie dokumentiert etwa 4700 Fälle unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha. „Der Missbrauch von Männern wird vor allem als politische Waffe eingesetzt, um diese zu entmenschlichen und komplett zu degradieren“, erklärt Dolan.

Paul (40) ist einer von ihnen. Im gesetzlosen Osten des Kongo sind unterdessen nicht immer Rebellen die Täter, auch Truppen aus Kinshasa mischen – ungestraft – bei den grausamen Kriegsverbrechen mit. „Ich bin 2001 immer wieder von einer Gruppe Regierungssoldaten vergewaltigt worden. Mein einziges Verbrechen war, ein politischer Aktivist gewesen zu sein“, erzählt der hochgewachsene Kongolese. „Seither bin ich impotent.“

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