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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 25.04.2013

Im Steinbruch der Geschichten

Ein braver Soldat der Literatur und ein Kaffeehaus-Dichter: Michael Köhlmeier und Robert Schindel über die Poesie der alltäglichen Dinge, eigenwillige Romanhelden und ihre Rezepte gegen die Einfallslosigkeit.

Im Gespräch mit Schriftstellern kommt man unweigerlich zur Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur. Aber nähern wir uns dieser Frage von der anderen Seite: Was erwarten zwei der profiliertesten österreichischen Gegenwartsautoren von Literatur?

Michael Köhlmeier: Auf keinen Fall erwarte ich, dass ein Text aus mir einen anderen oder besseren Menschen macht. Literatur, die den Anspruch erhebt, eine Funktion zu haben, macht mich misstrauisch. Ich brauche keinen Autor, der sich als Erklärer versteht, sondern Dichtung, die mir den Blick auf die Welt öffnet. Ganz pragmatisch gesagt, möchte ich Texte lesen, die mich vergessen lassen, dass ich selbst Autor bin.

Robert Schindel: Es gibt diese Zeile bei Joseph von Eichendorf: „Es schläft ein Lied in allen Dingen … Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort.“ Wenn es ein Text schafft, die Welt zum Singen zu bringen, entsteht Literatur. Wenn ich mich als Leser nicht mehr frage, wie hat er oder sie das gemacht, dann lese ich gute Literatur.

Köhlmeier: Der Lyriker William Carlos Williams hat mir hier die Augen geöffnet. Für ihn war alles Poesie. Er hat nicht irgendetwas besungen, das er für „poesiefähig“ befunden hätte, sondern die Poesie der ganz alltäglichen Dinge gefunden. Wenn das Erste oder das Letzte, das ich in meinem Leben sehe, eine zerknüllte Cola-Dose ist, enthält dieses Bild die ganze Welt.

Schindel: Das ist etwas, was ich auch an Michaels Texten bewundere. Egal, wo er einen hinführt, überall findet er Geschichten – und was für Geschichten. Und er schafft es auch noch, diese Geschichten in einen großen Zusammenhang einzubetten.

Mit Ihrem aktuellen Roman „Der Kalte“ verhält es sich doch ganz ähnlich ...

Schindel: Wir alle brauchen die Realität. Sie ist der Steinbruch, der uns das Material für unsere Geschichten liefert. Ein Geschichtssteinbruch.

Köhlmeier: Wenn ich zurzeit nach einem „welthaltigen“ Buch gefragt werde, verweise ich auf Roberts „Der Kalte“. Endlich ein Buch, das es wagt, Geschichte und Geschichten zusammenzubringen, zusammenzudenken. Gerade im Vergleich mit US-amerikanischen Autoren hinken wir in Europa in diesem Punkt hinterher. Wir bewundern die beinahe selbstverständliche Bewegung, wie sie große Geschichte über eines oder mehrere Einzelschicksale vermitteln. Früher konnte das auch die europäische Literatur. Nehmen Sie den „Zauberberg“: Da sitzt ein junger Mann in Davos und du kannst daraus die Stimmungslage, aus der der Erste Weltkrieg geworden ist, rekonstruieren. Robert gelingt etwas Ähnliches: Da wird das lange Echo der historischen Katastrophe Zweiter Weltkrieg auf das verdammte, vertrackte und verrückte 20. Jahrhundert erzählt. Aber eben nicht als abstrakter Entwurf, sondern ganz nah an seinen Protagonisten.

Sie sollen bereits an einem Nachfolgeroman arbeiten.

Schindel: Richtig. Zusammen mit „Gebürtig“, das bereits vor 20 Jahren erschien, ist „Der Kalte“ Teil einer Trilogie, die ich „Die Vorläufigen“ nenne. Der dritte Teil soll „Denia oder Die lichte Zukunft“ heißen. Ich will darin die Geschichte meiner Mutter fiktional verarbeiten. Die Geschichte einer Frau, die miterleben muss, wie die Utopie, für die sie ein Leben lang kämpfte, zerbröselt. Im Grunde geht es in allen drei Texten um dieses Thema, die Ernüchterung, die zunehmende Banalität gesellschaftlicher Gegenmodelle und die Erfahrung, dass die überwunden geglaubte Barbarei, genauso wie der totgeglaubte Kapitalismus, immer neue Blüten treibt.

Auch Sie, Herr Köhlmeier, arbeiten sich in „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ durch den Geschichtssteinbruch 20. Jh., allerdings in Form eines modernen Schelmenromans.

Köhlmeier: Ich wollte ein Buch über eine Figur schreiben, die für seine Mitmenschen eine Projektionsfläche für ihre Begehrlichkeiten und Wünsche darstellt. Diese Figur nahm nach und nach Gestalt an und hat mir ihre Geschichte erzählt. Ich habe sie niedergeschrieben. Inspiration fließt, solange man den Figuren ihre Freiheit lässt. Tut man das nicht, versiegt sie. Wenn diese Quelle versiegt, merkt man das den Büchern an. Dann sind sie aus Papier.

Die Erzählung liegt also nicht in Händen des Autors?

Köhlmeier: Es ist schizophren. Natürlich bin ich der liebe Gott meines Buches. Aber meine große Entscheidung besteht darin, mich auf diese Welt einzulassen. Dann muss ich mich hinter der Figur herbewegen. Es ist wie bei einem Schachspiel. Natürlich können wir vereinbaren, dass man mit dem Turm auch diagonal fahren kann. Aber wenn wir diese Übereinkunft treffen, ist das, was wir spielen, kein Schach mehr. Wenn ich mich auf das Leben von Joel Spazierer einlasse, ist es ein Regelbruch, wenn ich nicht der Entwicklung seiner Person folge.

Entwickeln auch Ihre Figuren ein solches Eigenleben, Herr Schindel?

Schindel: Nur wenn die Figuren gut aufgestellt sind, kann eine Geschichte entstehen, aber wer von uns kennt es nicht, dass man total überrascht ist, was in den eigenen Texten steht. Die Figuren entwickeln ihre eigenen Gesetzmäßigkeit. Beim Schreiben hat man jede Menge damit zu tun, ihnen auf der Spur zu bleiben. Bestenfalls kann man nur dafür sorgen, dass sie sich nicht verrennen.

Was ist, wenn Ihre Figuren einmal schweigen? Kennen Sie die Angst vor der Schreibblockade?

Köhlmeier: Davor habe ich keine Angst. Jeder Schriftsteller entwickelt seine Methoden. Ich habe mir verordnet, dass ich jeden Tag mindestens zwei Stunden vor dem Computer sitze. Wenn mir nichts einfällt, sitze ich als braver Soldat der Literatur da und starre auf den Computer. Dann kann ich wenigstens sagen: Heut’ habe ich nichts geschrieben, aber mein Pensum habe ich erfüllt.

Schindel: Das ist interessant. Bei mir ist es ganz ähnlich. Ich schreibe bekanntlich viel im Kaffeehaus. Wenn mir nichts einfällt, verbiete ich mir, etwas anderes zu tun. Ich sitze also da und nach wenigen Minuten ist mir dermaßen langweilig, dass ich ganz unbewusst anfange zu schreiben. Natürlich kann man die ersten Zeilen dann wegschmeißen, aber danach geht’s in der Regel.

Sie haben beide den Ruf engagierter Intellektueller, die öffentlich das Wort ergreifen.

Schindel: Jeder Bürger sollte darauf achtgeben, dass man nicht ins Barbarische abgleitet. Gern zeigt sich das Barbarische zunächst im Sprachgebrauch, es mag sein, dass ein Dichter darauf empfindlicher reagiert.

Köhlmeier: Ich mag es nicht, wenn Autoren die Pose einer moralischen Instanz einnehmen. Diese Rolle entstammt einer streng hierarchischen und autoritären Gesellschaft. Genauso wie man den politischen Führern zujubelte, jubelte man dann den klugen Worten der Mahner und Propheten zu. So etwas macht mich misstrauisch. Immer dann, wenn es der empörte Bürger Michael Köhlmeier war, der den Autor gleichen Namens zu einem Text anspornte, war das Resultat zumeist beschämend schlechte Literatur.

Das Gespräch führte Joachim Leitner