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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 02.05.2013

Gleichnisse aus finsteren Zeiten

Widersprüchlich und vielstimmig: William T. Vollmanns monumentaler Roman „Europe Central“ erzählt vom 20. Jahrhundert in Russland und Deutschland.

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Von Joachim Leitner

Innsbruck – William T. Vollmann gilt als Autor der Extreme, dessen Werk sich liest, als hätten Thomas Pynchon und Hunter S. Thompson gemeinsame Sache gemacht und ihre Obsessionen in einen umfangreichen, nachgerade enzyklopädischen Text gepackt.

Sein bislang nicht ins Deutsche übertragenes Opus „Rising Up and Rising Down“, ein ebenso fruchtbarer wie hirnrissiger Versuch, die Rolle der Gewalt in der Geschichte der Menschheit zu ergründen, kam nach umfangreichen Kürzungen in sieben Bänden mit insgesamt 3300 Seiten auf den Markt. Im Vergleich dazu ist „Europe Central“ mit seinen rund 1000 Seiten ein vergleichsweise überschaubarer Text. Ein Ziegelstein ist das Buch aber trotzdem. Und als Annäherung an diesen Ziegelstein empfiehlt sich der Weg durch die Hintertür. Vollmanns Nachwort legt die Materialmassen und Beweggründe, die irgendwann zu „Europe Central“ wurden, offen. Es ging ihm darum, heißt es dort, „eine Reihe von Gleichnissen über berühmte, berüchtigte und anonyme Menschen zu schreiben, die sich in entscheidenden Augenblicken moralisch zum Geschehen in Europa (dem Europa des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit; Anm. d. Red.) verhalten mussten“.

Was Vollmann also vorschwebte, war der ultimative Roman über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, nah am historisch Verbürgten (davon zeugen bereits die zahllosen Anmerkungen und Quellenangaben, die der Autor penibel auflistet) und doch immer auf der Suche nach Möglichkeiten, den historischen Einzelfall zu verallgemeinern, ihn in thematische Felder einzubetten. Um die insgesamt 37 Episoden, von denen erzählt wird, zusammenzuführen, greift er tief in die erzählerische Trickkiste: Er imaginiert eine Telefonzentrale, in der die Erzählungen, die belegten und die erfundenen Schicksale aus finsterer Zeit zusammenlaufen. Hier liegt die Schaltzentrale des Romans, hier erfährt man von Käthe Kollwitz und ihrem Leiden am Totalitarismus oder von der russischen Lyrikerin Anna Achmatowa, die von Stalin zunächst verfolgt, dann verehrt und dann wieder verfolgt wurde. Hier lernt man General Andrej Wlassow kennen, der für die Nazis spionierte und taucht ein in die Gedanken- und Gefühlswelt des deutschen Generals Paulus, der nach der Niederlage in Stalingrad den umgekehrten Weg ging. Besonders deutlich wird Vollmanns Verfahren der „kontrastierenden Komposition“ (das er von Dmitri Schostakowitsch, einer weiteren Hauptfigur des Romans, entlehnt) am Beispiel der Figur Kurt Gersteins, der als SS-Mitglied an der Optimierung industriellen Massenmords mitgedacht hat und gleichzeitig verzweifelt versucht hat, Informationen über die Shoah ins Ausland zu bringen.

Hier tritt die Widersprüchlichkeit, die „Europe Central“ verhandelt, offensichtlich zu Tage. Eine Widersprüchlichkeit, die Vollmann nicht auflöst. Er verweigert sich jeder wie auch immer gearteten Wertung. Alle Figuren, die er aus den Tiefen der Weltgeschichte holt, sind Kinder ihrer Zeit. Es gibt keine strahlenden Helden, sondern nur vollmundige Versprechungen, fehlgeleitete Hoffnungen und Zusammenhänge, die sich erst aus der Rückschau erschließen. Zu Vollmanns Leistungen gehört es, dass er retrospektivem Besserwissen gekonnt die Luft zum Atmen nimmt. In „Europe Central“ ist der Schrecken der Geschichte gegenwärtig. Genauso gegenwärtig wie die Schlachtfelder, die menschenverachtenden Strippenzieher, ihre Zuarbeiter und Gegenspieler sowie die zahllosen Opportunisten dazwischen. Das muss man als Leser aushalten. Wenn man sich darauf – und auf mehrere etwas langatmige biografische Abrisse – einlässt, ist „Europe Central“ aber der erhoffte Höhepunkt des bisherigen Literaturjahres.

William T. Vollmann. Europe Central. Aus dem Amerikanischen von Robin Detje, Suhrkamp, 1026 Seiten, 41 Euro.

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