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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 02.05.2013

Beten und Schreiben in Sichtweite des Machtzentrums

Papst Benedikt XVI. hat seinen Alterssitz im Vatikan bezogen. Sein Nachfolger Franziskus will indessen weiterhin nicht in den Apostolischen Palast übersiedeln.

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Rom – Nach seiner Rückkehr in den Vatikan erwartet den zurückgetretenen Papst Benedikt XVI. ein Rentnerdasein in klösterlicher Ruhe, für das sein Vorgänger Johannes Paul II. Vorsorge getroffen hatte: Im Jahr 1992 ließ der Pole in den vatikanischen Gärten das Klausurkloster Mater Ecclesiae bauen, in dem über Jahre hinweg Schwestern verschiedener Orden aus aller Welt lebten. Nach der Rücktrittsankündigung Benedikts XVI. wurde das Gebäude renoviert. Nun gibt es im Vatikan die ungewöhnliche Situation, dass der neue Papst Franziskus und sein Vorgänger zeitgleich in dem Kirchenstaat leben.

Die vergangenen zwei Monate hatte Benedikt in der päpstlichen Residenz in Castel Gandolfo südlich von Rom verbracht, bis die Vorbereitungen für seine Übersiedlung abgeschlossen waren. Am Donnerstag kehrte er per Hubschrauber in den Vatikan zurück und wurde an seinem Alterswohnsitz von seinem um zehn Jahre jüngeren Nachfolger mit einer Umarmung empfangen. Die beiden Päpste beteten gemeinsam in der Kapelle des Klosters. Benedikt wolle sich künftig ganz dem Gebet widmen, bleibe jedoch weiterhin im Dienst der Kirche, verlautete es aus der vatikanischen Pressestelle.

Für Benedikt, der in seiner knapp achtjährigen Amtszeit stets größten Wert auf regelmäßige Spaziergänge in den vatikanischen Gärten legte, dürfte das von Blumenrabatten und Gemüse­beeten umgebene Gebäude der ideale Ort sein, um den Lebensabend zu verbringen. Dort blühen unter anderem zwei seltene Rosenarten – die rosafarbene Beatrice d’Este und die weiße Giovanni Paolo II. An Lebensmitteln liefern die Gärten etwa Paprika, Zucchini und Kohl. An den Bäumen des Gartens wachsen Zitronen und Orangen.

In dem dreistöckigen Gebäude gibt es in den oberen Etagen zwölf Zellen. Sie sind spärlich eingerichtet, mit hölzernen Kruzifixen und religiösen Gemälden an den Wänden. Im Erdgeschoß des Hauses befinden sich neben einer Kapelle ein Wohn- und Aufenthaltsraum, eine Bibliothek sowie eine Küche. Ein Zimmer ist künftig für Benedikts Bruder Georg Ratzinger reserviert.

Dass der emeritierte Papst in Mater Ecclesiae ein völlig zurückgezogenes Leben führen wird, glaubt Vatikansprecher Federico Lombardi nicht. „Ich gehe nicht davon aus, dass er zum Einsiedler wird“, hatte Lombardi wenige Tage vor dem Rücktritt des katholischen Kirchenoberhauptes am 28. Februar erklärt.

Der inzwischen 86-Jährige habe „oft gesagt, dass er sein hohes Alter dem Schreiben und Studieren widmen will“. „Ich denke, das wird er auch tun“, sagte Lombardi und fügte hinzu: „Das ist eine noch nie dagewesene Situation, wir werden sehen, was passiert.“

Doch obwohl zwei Päpste im Vatikan wohnen, ist der Apostolische Palast derzeit verwaist. Denn der neue Papst Franziskus, der sich betont bescheiden gibt, wohnt vorerst weiterhin im vatikanischen Gästehaus Santa Marta. Ein Umzug in den Papstpalast wurde bisher noch nicht beschlossen.

„Franziskus fühlt sich im Gästehaus mit den Kardinälen sehr wohl und will vorerst dort bleiben“, berichtete Lombardi kürzlich. Franziskus „bevorzugt ein Gemeinschaftsleben, das entspricht seinem tiefen Wunsch nach einem einfachen Lebensstil. Wir werden sehen, ob das sein ganzes Pontifikat hindurch so bleiben wird“, sagte der Vatikansprecher, der damit zur Zukunft von gleich zwei Päpsten Mutmaßungen anstellen muss. (TT, APA)

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