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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 06.06.2013

Heiß-kalt bei sozialer Verantwortung

Wie viel gesellschaftliche Verantwortung übernehmen Österreichs Unternehmen? Nachhaltigkeitsexperte Michael Fembek über die Licht- und Schattenseiten von Corporate Social Responsibility (CSR).

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Von Ernst Spreng

Innsbruck – Immer mehr Tiroler Betriebe setzen auf das Thema Corporate Social Responsibility (CSR). Hinter diesem Fachbegriff steckt die Idee, dass Unternehmen umfassend verantwortlich handeln sollen. Dabei ist CSR mehr als ökologisches Bewusstsein oder Arbeitnehmerrechte. Vor Kurzem ist das österreichische CSR-Jahrbuch 2013 erschienen. Dieser Gradmesser gibt seit vier Jahren wieder, wie stark oder schwach sich österreichische Unternehmen in diesem Bereich engagieren. Initiator und Autor des Jahrbuches ist Michael Fembek, der im Interview den österreichischen Unternehmen ein gemischtes Zeugnis ausstellt.

Herr Fembek, hat sich in den vergangenen vier Jahren in Österreich etwas bewegt, übernehmen Unternehmen mehr gesellschaftliche Verantwortung?

Michael Fembek: Ich glaube schon, dass sich etwas bewegt hat. Der große Unterschied zum Beginn unserer Untersuchungen ist, dass das Thema zumindest in den Unternehmen bekannt ist. Corporate Social Responsibility wird in Österreich zunehmend richtig verstanden. Die Unternehmen haben verstanden, dass es dabei nicht nur darum geht, einen Verein zu unterstützen oder ökologisch zu handeln, sondern dass es eine umfassendere ideologische Einstellung, ein gesamtes Handeln ist. In diesem richtigen Verstehen der Thematik hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Dazu beigetragen haben vor allem zwei Dinge: Zum einen konnten einige Unternehmen damit öffentlich punkten. Ein Beispiel ist Zotter-Schokolade. Diese Leuchtturmbeispiele haben dazu beigetragen, dass das Thema vorangekommen ist. Aber auch die aktuelle gesellschaftliche Bewegung hat dem Thema in die Hände gespielt. Korruptionsskandale oder gestiegene Rohstoffpreise führten zu einem Umdenken. Unternehmen wollen heute ernsthaft wissen, wie sie mit diesen Themen umgehen.

Wie verantwortlich handeln Österreichs Unternehmen im internationalen Vergleich?

Fembek: Das muss man sehr differenziert betrachten. Positiv ist im internationalen Vergleich sicherlich, dass viele Bereiche der Corporate Social Responsibility in Österreich historisch gewachsen als normal erscheinen, also gar nicht unter diesem Fachbegriff diskutiert werden. Unsere Industrie ist beispielsweise dort entstanden, wo Wasserkraft zur Verfügung steht. Für uns ist das keine besondere Errungenschaft, international ist das ein großes Thema. Historisch verfügt Österreich über starke Arbeitnehmerrechte. Eine gelebte Sozialpartnerschaft oder die Kammertätigkeit eines Unternehmers sind bei uns gewachsene Systeme. Kritisch anmerken muss man, dass im internationalen Vergleich in Österreich die Dynamik der Prozesse fehlt. Schaut man in den europäischen Raum, geht dort wirklich etwas voran. Vor allem wird dort wesentlich intensiver der Hebel der staatlichen Lenkung benutzt. Beispielsweise ist es in Deutschland, Skandinavien oder Frankreich normal, dass Unternehmen für öffentliche Aufträge belegen müssen, dass sie nachhaltig arbeiten. Die Möglichkeit, über öffentliche Vergaben verantwortliches Handeln zu forcieren, wird in Österreich nicht genutzt.

Wo gibt es Defizite in Österreichs Unternehmen?

Fembek: So positiv die Arbeitnehmerrechte und die Arbeitsstandards in Österreich sind, mit dem Thema „Diversity“ beschäftigen sich noch wenige. Dabei geht es darum, wie ich zum Beispiel Menschen mit Behinderung oder mit Migrationshintergrund gut in mein Unternehmen integrieren kann. In Österreich herrscht hier noch mehr das Denken: Kann ich dem Menschen eine Chance geben? So edel diese Einstellung ist, die Frage muss lauten: Wie nutze ich die Potenziale dieser Menschen? Erst wenn man so zu denken beginnt, ist das ein nachhaltiger Prozess und sinnvoll für den Betrieb.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der aktuellen CSR-Untersuchung?

Fembek: Wirklich positiv in Österreich ist die Szene der Klein- und Mittelbetriebe. Das sind sehr oft spezialisierte Unternehmen, die große Schritte in Richtung einer strategischen Nachhaltigkeit machen. Österreichs Klein- und Mittelbetriebe sind oft dynamisch unterwegs. Das Kuriose dabei ist, dass diese Unternehmer selbst ihr Handeln gar nicht als Corporate Social Responsibility bezeichnen würden, sondern einfach richtig handeln. Das Negative ist nicht ein rein österreichisches Problem. Große Unternehmen mit vielen Mitarbeitern tun sich sehr schwer, ihren alten Unternehmensplan neu aufzustellen. Bei den Großen gibt es das Problem, dass sie oft in Branchen agieren, in denen nachhaltiges Handeln ein langer und steiniger Weg ist – wie zum Beispiel der Energiebereich oder der Handel. “

Was wären Ihre Tipps an Unternehmen, die das Thema der Corporate Social Responsibility angehen wollen?

Fembek: Einen konkreten Schritt kann jedes Unternehmen setzen: Schauen Sie sich an, welche Themen in ihrer Branche bzw. für ihr Unternehmen wichtig sind. Bei dem einen wird das die Mitarbeiterfluktuation sein, beim anderen die Kundenzufriedenheit, beim dritten der Energieverbrauch. Im nächsten Schritt sollte sich das Unternehmen fünf wichtig Bereiche herausnehmen und das eigene Handeln der vergangenen fünf Jahre mit dem Führungsteam analysieren, darüber diskutieren und die Frage stellen: Was können wir besser machen? Daraus ergibt sich von selbst eine betriebsinterne Diskussion, die klar und eindeutig in Richtung Corporate Social Responsibility geht. Wenn man dann mutig losgeht, findet man seinen Weg.

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