Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 07.06.2013

Ausstellung

Vom Kriegshandwerk zum teuren adeligen Sport

Um die Diskrepanz zwischen der Realität des Ritters und dem ritterlichen Ideal geht es in der sommerlichen Ausstellung auf Schloss Ambras.

drucken

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Noch immer verkleiden sich kleine Buben gern als tapfere Ritter und auch die Supermen, die sich durch Film­e kämpfen, haben sehr viel mit den Rittern von gestern zu tun. Und somit auch mit Innsbruck, wo mit Kaiser Maximilian I. bekanntlich der „letzte Ritter“ residiert hat und sein Urenkel, Erzherzog Ferdinand II., in seiner Ambraser Rüstkammer die kostbarsten Erzeugnisse des Plattnerhandwerks gesammelt hat.

Sie beide waren allerdings keine wirklichen Ritter mehr, huldigten mehr einem romantischen ritterlichen Ideal. Mit dieser Diskrepanz setzt sich die Ambraser Ausstellung anhand exquisiter Exponate auseinander. Um eingangs in der Form von Kettenhemden, Helmen, Lanzen und Schwertern völlig unromantisch klarzumachen, was ein mittelalterlicher Ritter wirklich war. Nämlich nichts anderes als ein berittener Soldat, der ursprünglich auch keiner elitären Schicht angehörte. Das Kettenhemd mausert sich mit der Zeit zum Harnisch, die Lanzen werden immer länger, die Ritter immer unbewegliche­r.

Ritter wurden im Spätmittelalter oft nachgeborene Söhne kleinadeliger Familien. Der Ritterschlag, der zum Kämpfen berechtigte, bedeutete das Ende einer „Lehre“, angefangen vom Pagen über den Knappen. Was für raue Burschen diese Ritter gewesen sein müssen, zeigt etwa das Porträt des Johann Ziska in voller Montur samt seiner körperlichen Blessuren. Was noch nichts ist gegen das Porträt des Gregor Baci, dessen Kopf im Kampf von einer Lanze komplett durchbohrt wurde. Dergestalt lädiert lebte Baci noch ein Jahr.

Mit dem Aufkommen der ersten Gewehre und Kanonen um 1500 wurden die berittenen Krieger immer mehr von den wesentlich beweglicheren Fußsoldaten verdrängt. Nun begann allerdings das ritterliche Ideal zu blühen. Wunderbar gearbeitete Prunkrüstungen entstanden nun, wie der um 1484 vom Augsburger Lorenz Helmschmid für Maximilian I. gefertigte Harnisch. Er ist das absolute Prunkstück der Schau in seiner Versinnbildlichung des ritterlichen Ideals. Wobei es völlig nebensächlich ist, dass man mit einem Harnisch wie diesem niemals kämpfen, wahrscheinlich nicht einmal gehen konnte. Der Preis eines solchen Prestigeobjekts war ungefähr der eines Nobelschlittens von heute.

Das 16. Jahrhundert war die Zeit, in der das ritterliche Turnier blühte, bei dem Herolde als Schiedsrichter fungierten. Wie es bei diesen opulent zelebrierten Spektakeln zugegangen ist, zeigt schön Maximilian­s autobiografisches Werk Theuerdank, durch das der Ausstellungsbesucher auf drei Monitoren virtuell blättern kann. Wo auch kurz die kleine Rolle aufblitzt, die die Frau in diesem adeligen Sport gespielt hat. Nämlich als Überbringerin des „Turnierdanks“ an den siegreichen Ritter.

Noch lange wurden klein­e Prinzen für repräsentative Bildnisse in Rüstungen gesteckt und auch gespielt haben sie gern mit Ritterfiguren. Aber auch Heilige, wie etwa Georg bei seinem Kampf mit dem Drachen, wurden durch Jahrhunderte in ritterlicher Rüstung dargestellt. Eine Renaissance erlebt die ritterliche Romanti­k im 19. Jahrhundert. Weiterlebend etwa in Schloss Neuschwanstein oder in der Opern Richard Wagners.

drucken