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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 07.06.2013

„writer in residence“

Koreneva: „Putin inszeniert sich als Leser“

Die russische Autorin Marina Koreneva, zurzeit „writer in residence“ an der Uni Innsbruck, über Russlands neue Öffentlichkeit, belastete Symbole und schmuggelnde Übersetzer.

Russische Schriftsteller werden hierzulande vor allem dann wahrgenommen, wenn sie als Kritiker des „System Putin“ auftreten. Welche Rolle spielt Literatur zurzeit in Russland?

Marina Koreneva: Es lässt sich feststellen, dass der Status der Literatur sich verändert hat. Ich wage nicht zu behaupten, dass sie mehr Einfluss hat als früher, aber ihre Rolle ist eine andere geworden. Präsident Putin hat angefangen, sich öffentlich über Kultur und Literatur zu äußern. Er inszeniert sich als Leser und versucht mit dem Volk über Zitate und versteckte Reminiszenzen zu reden.

Warum tut Putin das?

Koreneva: Es ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen. Es gibt das Internet, das eine ganz neue Öffentlichkeit geschaffen hat und neue Kommunikationswege forciert. Wenn man jetzt einen kritischen Text veröffentlicht, kann der Kritisierte sofort reagieren – und umgekehrt müssen die Mächtigen lernen, dass auf ihre Aussagen und Handlungen binnen kurzer Zeit reagiert wird. Es gibt eine neue Generation von Autoren, die keine Angst mehr vor den Mächtigen haben. Sie formulieren die neuen Parolen und lassen sich auch nicht mundtot machen. Um mit diesen Kritikern in einen Dialog zu treten, bedient sich auch Putin literarischer Formeln. Auch in diesem Bereich will Putin als der starke Mann erscheinen.

Auf welche Texte bezieht er sich dafür?

Koreneva: Eine Bibliothekarin hat aus Zitaten ein Leserprofil erstellt. Putin bezieht sich auf die Klassiker, Schullektüre, auf kanonisierte Werke der „russischen Seele“ (lacht). Es sind also Texte, bei denen er davon ausgehen kann, dass die Anspielungen auch wirklich verstanden werden.

Schullektüre scheint überhaupt ein Thema des „Bildungspolitikers“ Putin zu sein. Seine gelegentlichen Äußerungen über Lehr- und Leseprogramme stoßen auf Kritik, vor allem sein Bild des Stalinismus scheint bedenklich.

Koreneva: Erst kürzlich hat er laut über zentral bestimmte Lehrpläne für das Fach Geschichte nachgedacht. Aber in welche Richtung das geht, ist noch nicht absehbar. Seine Vorschläge für einen offiziellen russischen Literaturkanon sorgten jedenfalls zuletzt für Stirnrunzeln: Er setzte auch die Epen ehemaliger Sowjetrepubliken auf seine Liste. Ganz so, als hätte er vergessen, das es die UdSSR nicht mehr gibt.

Auch Putin-Gegner beziehen sich mitunter auf die Sowjetzeit und spielen mit der Ikonografie dieser Zeit.

Koreneva: Für meine Generation sind diese Symbole nichts, mit dem man spielt. Das kann eigentlich nur jemand tun, der nichts verstanden hat. Auf der anderen Seite: Vielleicht ist es gerade diese „unangemessene“ Verwendung von belasteten Symbolen, die die Mystifizierung verhindert, weil es zeigt, wie beliebig alles verwendet werden kann.

Als Übersetzerin haben Sie Werke der deutschen Literatur ins Russische übertragen. Welchen Stand haben deutschsprachige Autoren in Russland?

Koreneva: Gerade die zeitgenössische Literatur hat einen schlechten Ruf. Das Vorurteil, dass sich die deutsche Literatur nur mit der Geschichte beschäftigt, hält sich standhaft.

Ganz von ungefähr kommt dieser Vorwurf nicht ...

Koreneva: Ja. Aber gerade davon könnten die Russen viel lernen. Dieses Thema findet in der russischen Literatur kaum statt. Man tut so, als gäbe es keine Vergangenheit.

Was hat Sie zur deutschsprachigen Literatur gebracht?

Koreneva: Schwer zu sagen. Ich habe Germanistik studiert und das Übersetzen wurde schnell zu meiner verrückten Leidenschaft. Natürlich waren die Texte für mich anfangs ein Fenster zur Welt, aber schnell erkannte ich auch, dass man als Übersetzer eine Art Schmuggler ist: Ich konnte mich mit Themen, über die zu bestimmten Zeiten nicht gesprochen wurde, über den Umweg der Übersetzung beschäftigen.

Das Gespräch führte Joachim Leitner