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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 09.07.2013

Himmelsstürmer der Architektur

Wolkenkratzer sind immer hoch, selten billig und manchmal schaffen sie es trotz ihrer gigantischen Ausmaße, gleichermaßen ansehnlich wie sinnvoll zu sein. Oft täuscht der erste Blick und ein Hingucker in Singapur hat auf lange Sicht weniger zu bieten als ein ausgezeichnetes, waghalsiges Projekt in Peking.

Von Matthias Christler

Der Eiffelturm unserer Zeit – ein schöneres Kompliment für moderne Architektur kann es nicht geben, steht doch der Fernsehturm in Paris für das perfekte Zusammenspiel von Funktionalität und Kunst, die seit 120 Jahren nichts von ihrer Sehenswürdigkeit verloren hat. Als den „Eiffelturm unserer Zeit“ hat die mehrfach ausgezeichnete US-Architektin Jeanne Gang das „China Central Television Headquarters“ (CCTV, Bild 4) in Peking im Rahmen einer Preisverleihung bezeichnet. Der „Rat für hohe Gebäude“, der den Preis vergibt und dessen Vorsitzende Gang ist, lobte die unverwechselbare Form, die zwar skurril wirkt, aber durch eine komplexe Planung besticht.

Die grobe Vorgabe war, dass beide Hauptabteilungen des Senders jeweils einen Turm bekommen. Die Architekten verbanden die Türme jedoch zu einer Einheit, welche durch ein außenliegendes Stahlskelett eine höchstmögliche Standsicherheit bei Orkanen und Erdbeben ermöglicht. Ist das „China Central Television Headquarters“, das 2013 als bestes Hochhaus Asiens ausgezeichnet wurde, der ideale Wolkenkratzer?

Der Schweizer Andres Janser hat im Museum für Gestaltung in Zürich eine Wolkenkratzer-Ausstellung geleitet und das Buch „Hochhaus: Wunsch und Wirklichkeit“ verfasst. Für ihn braucht ein Wolkenkratzer mehr als Form und Funktion: „Man kann keinen Wolkenkratzer in Peking mit einem in Zürich vergleichen und sagen, welcher besser ist, weil es nur im Kontext der jeweiligen Stadt gesehen werden kann“, verweist er auf eine gewisse „Unvergleichbarkeit“.

Der Prime Tower in Zürich (Bild 2) sei zwar nur knapp über 100 Meter hoch, aber ein gutes Beispiel dafür, sich der Umgebung anzupassen. „Außerdem repräsentiert es auch einen Firmengedanken. Bei Hochhäusern, meist Geschäftsbauten, geht es auch um ein Branding, um das Prestige eines Unternehmens“, erklärt Janser.

Er sehe den CCTV-Tower dennoch als sehr gelungenes Projekt, mehr fasziniere ihn aber in Asien das Wohnhochhaus „The Met“ in Bangkok (Bild 3). 2010 wurde es als innovativstes Hochhaus geehrt – aus gutem Grund. In dem subtropischen Klima schafften es die Architekten, „ein Hochhaus so zu öffnen, dass es inmitten einer Megacity nahezu buchstäblich atmet“, urteilte die Jury. Janser bewundert das Konzept mit den Öffnungen in der Fassade: „Trotz eines subtropischen Klimas kommt das Haus dadurch ohne eine Klimaanlage aus.“

Ein braunes Rechteck mit kleinen Löchern in der 230 Meter hohen Konstruktion empfinden Bangkok-Urlauber vielleicht auf den ersten Blick nicht als Schönheit der Architektur. Das „Met“ ist dafür nachhaltig schön, im Gegensatz zu dem Prestige-Projekt einer Hotelkette in Singapur. Das „Marina Bay Sands“ (Bild 1) ist ein Hingucker mit seinen drei Türmen und einem langen „Kanu“ als Dach darübergespannt. „Dieser Effekt, diese narrative Architektur, nützt sich schnell ab“, glaubt Janser. Der 2011 eröffnete Komplex, auf dessen Dach ein 146 Meter langer Pool angelegt ist, dürfte mit den Baukosten von fast fünf Mrd. Euro eines der teuersten Bauwerke der Welt sein. Im Vergleich dazu wird der Kingdom Tower (Bild 6), ein Bauprojekt in Dschidda in Saudi-Arabien – mit über 1000 Metern ab voraussichtlich 2018 das höchste Gebäude der Welt –, mit Kosten von einer Mrd. Euro veranschlagt.

Teuer muss nicht nachhaltig sein, hoch auch nicht schön. Im Fall des derzeit höchsten Gebäudes der Welt, dem Burj Khalifa in Dubai, erkennt Janser trotz der beeindruckenden 830 Meter, die es in den Himmel gewachsen ist, nicht nur eine statische, sondern ebenso eine architektonische Höchstleistung. „Die kreisrunden, verschieden hohen Bündel ziehen sich zu einer schönen Pyramide hoch. Das ist eine sehr schlüssige und zeitgemäße Lösung“, sagt er. Als immer noch inoffiziell schönster Wolkenkratzer gilt das 1930 eröffnete Chrysler Building (Bild 5) mit dem bogenförmigen Dach­aufbau, der inzwischen im Großstadt-Dschungel von Manhattan fast untergeht. Dass sich das Burj Khalifa von seiner Umgebung abhebt, ist unumgänglich. „In Asien und den USA, wo einzelne Gebäude eine Skyline dominieren, gibt es eine andere Hochhaus-Kultur als in Europa, wo die Häuser eher im Kontext der Stadt gesehen werden.“

Und Wolkenkratzer in den Alpen, wäre das denkbar? Der Ausstellungskurator aus der Schweiz kennt einige Hochhäuser in Grenoble, durchgesetzt habe sich das jedoch nicht. „Obwohl es im begrenzten Raum eigentlich sinnvoll wäre, in die Höhe zu bauen“, sagt Janser. „Die Berge wären die Skyline, die Häuser müssten sich einfügen. Ja, es ist fast bedauerlich, dass man so etwas nicht öfters versucht.“

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