Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 10.07.2013

Was uns zum Menschen macht

Sein ganzes Leben hat der Tiroler Psychiater Gerhard Medicus daran gearbeitet, die Verhaltensweisen des Menschen zu entschlüsseln. Dazu gibt es ein Buch.

Innsbruck – Was macht den Menschen zum Menschen? Wer oder was sind wir wirklich? Was ist angeboren, was ist kulturell erworben? In seiner Arbeit als Psychiater und Wissen­schafter hat der Tiroler Gerhard Medicus über Jahrzehnte daran gearbeitet, dies – aufbauend auf Erkenntnisse von Größen wie Darwin, Lorenz und Tinbergen – weiterzuentwickeln. Er ist Oberarzt an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Landeskrankenhauses Hall in Tirol und lehrt am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck seit fast 25 Jahren Humanethologie (Verhaltensforschung am Menschen). Gereizt habe ihn immer, die vielfältigen Verhaltensweisen der Menschen zu entschlüsseln und verständlich zu machen: „Immer wieder wurde ich gefragt, warum ich so sehr auf Verhaltensforschung aus bin, wenn ich mein Brot hauptberuflich doch als Mediziner verdiene. Dabei habe ich gerade in meiner Arbeit als Psychiater vor Augen geführt bekommen, dass die Denkansätze vieler Wissenschafter bis heut­e entweder natur- oder geisteswissenschaftlich fundiert sind. Das ist zu einseitig“, erklärt Medicus. Vereinfacht auf den Punkt gebracht, ist es für Medicus Zeit, eine gemeinsame Basis für all­e Humanwissenschaften zu entwickeln. In seinem Buch „Was uns Menschen verbindet“ (Verlag für Wissenschaft und Bildung, 31 Euro) erklärt er, dass die naturwissenschaftlichen Grundlagen auch in den Kultur- und Geisteswissenschaften Berücksichtigung finden. Es ist das Ziel, beide zusammenzuführen und das auf breiter Basis zu erreichen. Eine interdisziplinäre Verständigung wäre nützlich und notwendig, zumal alle Humanwissenschaften denselben Fragen nachspüren, nämlich dem Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen. Medicus selbst hat für seine Forschungen viele Monate bei traditionellen Völkern (unter anderem in Papua-Neuguinea) gelebt. Wie sehr die Verhaltensforschung auch für die Medizin nützlich ist, zeigt sich für Medicus am deutlichsten bei der frühkindlichen Bindung. Satt und sauber alleine genügt nicht. Das ist längt erwiesen. Heute weiß man, dass Körperkontakt und Liebe für einen Säugling überlebensnotwendig sind. In traditionellen Kulturen haben Kinder bis zu 50 Prozent des Tages Körperkontakt zur Mutter. Das ist nur ein Beispiel von vielen, warum Medicus den Blick aller für die Verhaltensforschung schärfen will. (lipi)

medicus

medicus