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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 12.07.2013

Bachs Musikgebäude als Tanzereignis

Zum 30. Jubiläum begeistert das Festival Impulstanz mit der fesselnden „Partita 2“ von Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz.

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Von Bernadette Lietzow

Wien – Zum heurigen 30. Geburtstag leistet sich das zum europaweit größten Tanzfestival gediehene jährlich veranstaltete Wiener Sommerereignis Impulstanz eine augenzwinkernde und die Diskussionen um die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes bestens fokussierende Plakatkampagne: „Was hat das mit Tanz zu tun?“ oder „Wann hört das endlich auf?“ ist da zu lesen. Studiert man das mit unzähligen Workshops und Performances gespickte Programm des noch bis 11. August währenden Festivals, so bestätigt sich der Eindruck, in den vier Wochen sämtlichen Facetten der Kunstform Tanz begegnen zu können. Akram Khan, Mathilde Monnier, Jan Fabre, Wim Vandekeybus mit seiner Compagnie Ultima Vez, der südafrikanische Universalkünstler William Kentridge, Chris Haring, Meg Stuart und viele mehr machen Wien für einen Monat zum Mittelpunkt der Tanzwelt.

In den parallel laufenden Workshops ist jeder eingeladen, sich tänzerisch weiterzubilden und auszuprobieren. Von Ballett, Improvisation, Jazz über spezielle Workshops für Senioren, Kinder und Jugendliche bis zu Kursen unter der Devise „Mixedabilities“, die das tänzerische Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung anregen, reicht das üppige Angebot, das unter der Ägide von Festivalgründer und Langzeit-Intendant Karl Regensburger, Rio Rutzinger sowie dem Tänzer und Choreografen Ismael Ivo zusammengestellt wurde. Nach der von einer grell-queeren Performance des US-amerikanischen Choreografen Trajal Harrell, eines neuen Stars der Tanzszene, gestalteten Eröffnung mit Partycharakter, zu der am vergangenen Dienstag unzählige Besucher in den mit grünem Rollrasen ausgelegten Haupthof des Museumsquartiers strömten, feierte am Samstag wohl einer der Höhepunkte seine Premiere. In knappen 70 Minuten gelingt der belgischen Choreografin und Tänzerin mit ihrer Anfang Mai in Brüssel uraufgeführten neuen Arbeit „Partita 2“ Bachs beispielloses Meisterwerk für Solovioline nicht nur in Tanz zu übersetzen, sondern einen regelrechten Diskurs über und mit den Bach’schen Fugen zu führen. Ihr zur Seite stehen der französische Tänzer und Leiter des Choreografischen Zentrums in Rennes, Boris Charmatz, und die auf Alte Musik spezialisierte Violinistin Amandine Beyer. Die Violine und Bachs Universum stehen anfänglich ganz allein im Dunkel der Bühne und erfüllen das Burgtheater, bis die Musik abbricht und die zwei Tänzer beginnen, in einer Art stillem Nachhall der musikalischen Architektur Bachs mit Bewegungsmustern zu begegnen.

Die stupende Musikalität und Innigkeit Keersmaekers korrespondiert da in grandioser Gewissheit mit dem kraftvollen tänzerischen Ausdruck von Boris Charmatz. Der dritte Teil des Abends schließlich versammelt die drei Solisten zu einer gemeinsamen Reprise und beschließt einen Tanzabend von höchster künstlerischer und leidenschaftlicher Qualität.

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