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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 14.07.2013

Bedrohliche Liebesschwüre

„The Big Dream“: Star-Regisseur David Lynch präsentiert pulsierende Albtraummusik.

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Von Sabine Theiner

Innsbruck – David Lynch umgibt eine Aura des Abgründigen. Seine Filme „Blue Velvet“ zum Beispiel oder „Mulholland Drive“ haben noch heute, Jahre nach ihrer Veröffentlichung, nichts von ihrer verstörenden Wirkung verloren. Und auch seine Musik, der sich der 67-Jährige in den vergangenen Jahren vorrangig widmet, versteht es zu irritieren. „The Big Dream“, sein zweites Album, bahnt sich mit bluesigen und zugleich scharfkantigen Klängen den Weg in die Herzen der Hörer. Um dort Zweifel zu säen.

Das Titelstück eröffnet eine aufregende Reise auf die dunkle Seite der menschlichen Existenz. Wie eine fiebrige Ahnung macht sich dieses Stück breit: erratisch, träge und mit einer Wucht, die sich nur schleppend aufbaut – und den Hörer unerwartet niederstreckt. Tiefe und dumpfe Beats schleichen behände um Lynchs verzerrte Stimme, was die Tracks rabiat, dubios und nicht ganz fassbar macht. Trotzdem kreist alles um ein großes Thema: Nichts ist so, wie es scheint. In der Betonung der Uneindeutigkeit besteht David Lynchs Kunst. Er eröffnet Möglichkeitsräume, lässt spüren, was man ist und vielleicht sein könnte. Aber eben nur spüren. Lynch entwirft klingende Verdachtsfälle, deutet viel an, spielt kaum etwas erschöpfend aus. „The Big Dream“ ist beunruhigend und macht verwundbar. Kein Wunder, dass einer seiner Songs „Sun Can’t Be Seen Any More“ heißt. Die von Lynch entworfene Welt ist absurd, absurd und dunkel. Wie eine alte Hexe kräht Lynch einen schwer verständlichen Text zu forschen Rhythmen und lässt zum Schluss eine fiese Gitarre antanzen, die den Hörer zum Teufel jagt. Spätestens bei „I Want You“, dem nächsten Stück, weiß man, dass es besser wäre, sich auf und davon zu machen. Das ist unheimlich, wenn Lynch heiser ächzt „I Love You So“. Nie klangen Liebesschwüre gefährlicher. „The Line It Curves“, eines der Highlights, ist dann ein schaurig-schöner Blues, der ein tiefes, hitziges Sehnen nach Ruhe evoziert. Aber selbst eine Linie ist bei Lynch nicht gerade. Sie wird sich biegen – man sieht es kommen. Ironischerweise fragt er zum Schluss dann „Are You Sure“. Nein. Man ist sich nicht sicher. Über rein gar nichts.

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