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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 14.07.2013

Das Glück gemeinsamer Nächte

Arthur Schnitzlers „Reigen“ als Zweipersonenstück am Innsbrucker Kellertheater.

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Innsbruck – Heute gilt der „Reigen“ als vielleicht wichtigstes Bühnenwerk Arthur Schnitzlers. Doch das war nicht immer so. Nach der Niederschrift 1896/97 hielt der Autor es zurück, veröffentlichte es erst Jahre später als limitierten Privatdruck. Nach zwei skandalumwitterten ersten Aufführungen Anfang der 1920er-Jahre zog es Schnitzler selbst zurück, verbot fortan weitere Inszenierungen. Erst 1981, 50 Jahre nach dem Tod des Autors, gaben dessen Erben den „Reigen“, dieses schonungslose und hintersinnig komische Rundgemälde klassenübergreifender Triebe und Sehnsüchte, frei. Seither ist es ein ebenso vielgespielter wie vielbejubelter Klassiker der Theaterliteratur, ein Stück, das – Schnitzlers feiner Klinge für alles Psychologische sei Dank – nach wie vor von geradezu ernüchternder Aktualität ist. Ein Text, in dem man sich selbst (oder zumindest so manchen guten Bekannten) wiedererkennt.

Manfred Schild inszeniert den „Reigen“ am Innsbrucker Kellertheater als Zweipersonenstück. Dieser geschickte inszenatorische Kniff, der von Julia Kronenberg und Hans Danner verlangt, mit bewundernswerter Leichtigkeit jeweils fünf ganz unterschiedliche Figuren zu spielen, unterstreicht den Fallstudien-Charakter des Textes, den – darauf darf nie vergessen werden – ein praktizierende Mediziner verfasst hat.

Dass Schild die detaillierten und bisweilen mit ironischen Spitzen gewürzten Regieanweisungen Schnitzlers von Johann Nikolussi einsprechen lässt, verstärkt diesen dokumentarischen Effekt zusätzlich. Auf sonstige Mätzchen verzichtet Schild dankenswerterweise. Die von Ralph Reisinger entworfene Bühne ist auf das Nötigste reduziert: weißer Zaun, ein Podest, das mal spießbürgerliches Kanapee, dann wieder vielbeanspruchte Separee-Bettstatt ist und zwei Umkleidekabinen. Auch die Kostüme (Andrea Kerner) sind zurückhaltend, die jeweiligen Standesunterschiede (jedes sich anbahnende Liebesspiel ist bei Schnitzler zunächst einmal ein Machtspiel) werden nur dezent angedeutet.

Gerade diese Unaufgeregtheit tut dem ehemaligen „Skandalstück“ (ja, auch auf der freilich abgedunkelten Bühne des Kellertheaters geht es ordentlich zur Sache) gut.Sie ermöglicht es, zum Kern von Schnitzlers tiefsichtigen Beobachtungen vorzudringen: Letztlich sind alle, egal ob forsche Dirne, feingeistiger Dichter oder degenerierter Adeliger, Suchende. Getrieben werden sie von der Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, nach etwas, das noch nicht von gesellschaftlichen Zwängen und Trugbildern kontaminiert wurde. Man könnte das, was sie suchen, Glück nennen. (jole)

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