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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 16.07.2013

Immer das rostige Wrack im Blick

Eineinhalb Jahre nach der Katastrophe der „Costa Concordia“ ist das Wrack für die Bewohner der Insel Giglio fast schon Normalität. Von dem Gerichtsprozess, der vergangene Woche gestartet ist, erwarten sie sich trotzdem eines: Gerechtigkeit.

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Der rostende Koloss ist noch immer das beliebteste Fotomotiv Giglios. Auch 18 Monate nach dem Drama um die „Costa Concordia“ richten viele Touristen kurz vor Ankunft am Hafen ihre Kameras auf das Wrack und verschmähen das malerische Panorama der Toskana-Insel. Mit einer Mischung aus Staunen und Fassungslosigkeit filmen und fotografieren sie das im Jänner 2012 gekenterte Kreuzfahrtschiff. Für die Bewohner ist der bizarre Anblick inzwischen Alltag – trotzdem sehnen sie das Ende der Bergungsarbeiten herbei. „Es muss endlich verschwinden“, fordert Bürgermeister Sergio Ortelli.

Nur wenige hundert Meter vom Wrack entfernt spielen Kinder unbeeindruckt am Strand, Urlauber schlendern die Promenade entlang. Neben dem Plätschern der Wellen ist pausenlos das Dröhnen der Generatoren der Bergungsplattformen zu hören. „Die Insel hat sich aus psychologischer Sicht verändert“, beschreibt Ortelli die Auswirkungen der Katastrophe. Das Leben sei zeitweise mehr von der Havarie geprägt worden als von allem anderen.

Das bringt auch wirtschaftliche Folgen mit sich: Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Übernachtungen auf Giglio nach Angaben Ortellis um 28 Prozent zurück. Zwar reisten mehr Tagesausflügler auf die Insel, jedoch blieben weniger Urlauber für längere Zeit. In der ersten Saison mit dem Wrack kamen viele Touristen nur, um ein Foto von dem 290-Meter-Schiff zu schießen.

Kai und Maresa von der Heyden aus Hamburg machen mit ihren Kindern Ferien in der Toskana. „Entscheidend ist, dass die Insel schön ist“, sagt der Urlauber. Den Blick auf das Wrack findet das Paar nicht störend, nur traurig. „Es ist eine Art Mahnmal des Massentourismus und die Kehrseite dessen, was man den Menschen bietet.“

Oben auf dem Hügel, einen etwa 20 Minuten langen, beschwerlichen Fußweg von Giglio Porto entfernt, lassen sich Touristen mit Blick auf die „Costa“ nieder, machen eine Pause und beobachten das Wrack vor der felsigen Küste durch Ferngläser. Wie auf einer Intensivstation liegt der Patient „Costa Concordia“ dort umgeben von Plattformen und Schiffen. Mehrere Kräne, ein Hubschrauberlandeplatz und jede Menge technische Geräte sind für die Arbeiten aufgebaut worden.

Seit eineinhalb Jahren sind Experten mit der Bergung beschäftigt – im September soll die Auftaktphase abgeschlossen sein. „Wir sind momentan dem ersten wichtigen Meilenstein nahe, dem Aufrichten des Schiffes“, erklärt Projektleiter Franco Porcellacchia. Gestützt von mehreren Unterwasserplattformen soll die „Costa“ in eine aufrechte Position gebracht und später weggeschleppt werden.

Das Wrack könnte noch dieses Jahr verschwinden, wahrscheinlicher ist aber 2014, sagt Porcellacchia. 500 Spezialisten arbeiten rund um die Uhr in Schichten. „Das ist ein einzigartiges Projekt, das es so bisher noch nicht gegeben hat“, sagt der Ingenieur der „Costa“-Reederei. Insgesamt soll die Bergung 500 Millionen Euro kosten – mehr als doppelt so viel wie zu Beginn veranschlagt. Die hohen Kosten werden von einem Versicherungskonsortium, über das die Reederei abgesichert ist, getragen. Es ist unwahrscheinlich, dass der Steuerzahler ebenfalls in die Tasche greifen muss.

Die 18 Monate im Meer haben das Schiff mitgenommen. Einzelne Fensterscheiben und der Schornstein fehlen, die Blau- und Gelbtöne an Deck sind von der Sonne verblasst. Rost ist zu sehen, das einst so strahlende Kreuzfahrtschiff verrottet langsam im Meer.

„Um Himmels willen, die Costa. Eine schreckliche Sache“, sagt die Souvenir-Verkäufern Franca Ansaldo. Für sie ist die „Costa Concordia“ ein Schandfleck. „Es ist wirklich traurig, das Schiff erinnert uns immer an das Unglück und es zerstört die Ästhetik unserer Küste“, klagt sie. Souvenirs mit dem Bild des Schiffs bietet sie, wie alle Händler, nicht an. „Wir wollen kein Geschäft mit dem Unglück machen.“

Nach Ansicht von Bürgermeister Ortelli sind die Schäden für die Insel enorm – nicht nur wegen der ausbleibenden Touristen. Die Kommune verlangt daher vor Gericht 80 Millionen Euro Schadenersatz. „Es sind Imageschäden, es sind moralische Schäden, es sind Vermögensschäden, es sind Schäden für die Wirtschaft“, zählt er auf.

Den Prozess gegen Unglückskapitän Francesco Schettino verfolgen auch die Bewohner Giglios. „Schettino war beim Unglück auf der Brücke, also ist er auch schuld. Aber das Unternehmen hat auch seine Verantwortung“, meint Micela Bertozzi, die in einem kleinen Imbiss am Hafen Pizza und Getränke verkauft. Sergio Roccolini, der vor der Bar „L‘Archetto“ ein Glas Wein trinkt, sagt: „Wir hoffen, dass Schettino schuldig gesprochen wird.“ Das Wrack sei zwar kein schöner Anblick, für die Bewohner mittlerweile aber irgendwie zur Normalität geworden. (dpa)

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