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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 19.07.2013

Frauenlicht ins Männerdunkel

Mit der Uraufführung von André Tchaikowskys Oper „Der Kaufmann von Venedig“ gelang bei den Bregenzer Festspielen eine großartige Entdeckung.

Von Ursula Strohal

Bregenz – „Dem Licht entgegen“ ist David Pountneys Motto für die diesjährigen Bregenzer Festspiele. Wenn er unter diesem Aspekt in der „Zauberflöte“ den Priester und die Königin untergehen lässt und die von Liebe bestimmte Zukunft „Mann und Frau“ heißt, so wiederholen sich ähnliche Motive in André Tchaikowskys Oper „Der Kaufmann von Venedig“ mit dem eng an Shakespeare bleibenden Libretto von John O’Brien: Die erbarmungslos­e, hart an Geld, Gesetz und Macht orientierte Männer­gesellschaft löst sich auf in eine von Frauen dominierte Welt voll Liebe, Poesie und Klugheit.

Dem Licht entgegen ging nun auch Tchaikowskys Oper, ein großes, eindringliches, nicht nur die britische Oper des 20. Jahrhunderts ergänzendes Werk, das zwischen 1968 und 1982, dem Todesjahr des Komponisten, entstand und nun im Bergenze­r Festspielhaus – in Beisein des Librettisten, der noch nie einen Ton davon gehört hat – beispielhaft uraufgeführt wurde.

André Tchaikowsky wurd­e am 1. November 1935 in Warschau als Robert Andrzej Krauthammer geboren, von der Großmutter 1942 aus dem Ghetto befreit und mit neue­r Identität versehen. Er ließ sich als gefeierter, exzentrischer Pianist und Komponist in England nieder und starb erst 47-jährig in Oxford. Seinen Schädel vermachte er der Royal Shakespeare Company „zum Gebrauch bei Theateraufführungen“, wofür er auch genutzt wurde.

Tchaikowskys Musik führt in ungeheurer Vielgestaltigkeit mitten ins Herz der Geschichte, dorthin, wo sich der Jude Shylock ein Pfund Fleisch aus seinem Schuldner Antonio herausschneiden will. Die um die Auflösung der Tonalität kreisende Musik begleitet die Motive der Sänger, denkt sie tiefer und weiter, setzt sich dagegen, nimmt Gedanken voraus, kommentiert, hebt Emotionen ans Licht, zitiert (u. a. Beethovens „Fidelio“-Trompetensignal) und verhärtet sich, wenn die Protagonisten in der Sturheit ihrer Weltbilder steckenbleiben. Der Komponist reizt die Möglichkeiten und Farben der Instrumente bis hin zum Cembalo (Bühnenmusik: Studenten des Konservatoriums) solistisch ungemein reich und vielstimmig aus, verfolgt gleichzeitig mehrere Linien, lässt sie ineinander fließen und sich kreuzen. Es ist eine starke, faszinierende Musik, die eher sperrig beginnt und hochpoetisch endet. Dirigent Erik Nielsen und die Wiener Symphoniker heben das enorm anspruchsvolle Werk großartig ins Leben.

Keith Warner inszeniert in Ashley Martin-Davis’ Bühnenbild und Kostümen, Dav­y Cunninghams fabelhafter Lichtgestaltung und Michae­l Barrys eindrücklicher Bewegungsregie in intensiven Personenbeziehungen, in der Männerwelt schwarz-weiß. Zwei das Bühnenbild prägende, Außen- und Innenwelten schaffende und sich gefährlich gegeneinander verengend­e Mauern mit nummerierten Schließfächern könnten vielmehr auch beklemmend­e Holocaust-Gedenkmäler sein. Ein wenig Licht und Farb­e, Sinnlichkeit und Humor kommen in der für Männer durchaus labyrinthischen Frauenwelt hinzu. Dort strahlen die Stimmen von Magdalena Anna Hofmann (Portia), Kathryn Lewek (Jessica) und Verena Gunz (Nerissa) in die dunkle Männerwelt und brechen diese auf.

Erschütternd in seiner Härte und dann seiner Gebrochenheit gestaltet Adria­n Eröd den Shylock. Kaufmann Antonio gäbe sein Leben für Bassanio und ist mit dem Kontratenor Christopher Ainslie prägend besetzt, ebenso wie sein Freund mit dem charaktervollen Tenor Charles Workma­n. Auf hohem Niveau auch die übrigen Männerrollen mit Jason Bridges (Lorenzo), David Stout (Gratiano), Adrian Clarke, Norman D. Patzke, Richard Angas und Hanna Herfurtner als „Knabe“.

Antonio, der Judenspötter, der beinahe bitter dafür gebüßt hätte, liegt anfangs auf Doktor Freuds Couch. Am Ende hat er die Geschichte erzählt. Hat vielleicht begriffen und wird seine Depressio­n pflegen.