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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 29.08.2013

Literatur

Die Hölle auf den Kopf gestellt

Ein faustisches Spiel mit abgründigen Ideen: In seinem neuen Roman „F“ vermisst Daniel Kehlmann die jüngere Vergangenheit als Schwindel erregendes Panoptikum im Spannungsfeld von Schuld und Schicksal.

Mit allen erzählerischen Wassern gewaschen: Daniel Kehlmann wurde mit „Die Vermessung der Welt“ 2005 zum Bestseller-Autor. Heute erscheint sein neuer Roman „F“.Foto: Heji Shin/Rowohlt

© Heji Shin/Rowohlt Mit allen erzählerischen Wassern gewaschen: Daniel Kehlmann wurde mit „Die Vermessung der Welt“ 2005 zum Bestseller-Autor. Heute erscheint sein neuer Roman „F“.Foto: Heji Shin/Rowohlt

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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Lange galt Daniel Kehlmann als Geheimtipp der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Seine ersten Bücher, „Beerholms Vorstellung“ zum Beispiel oder „Mahlers Zeit“, wurden von der Kritik gelobt, aber kaum gelesen. Dann erschien – vor mittlerweile acht Jahren – „Die Vermessung der Welt“, verkaufte sich allein in Deutschland 2,3 Millionen Mal und drohte Kehlmann noch vor Vollendung seines 30. Lebensjahres zum Verhängnis zu werden. Nichts setzt einem vergleichsweise geschlossenen System wie der Literaturbranche stärker zu als der Erfolg eines Außenseiters. Und weil es an Kehlmanns Büchern so gar nichts auszusetzen gab, sprach man seinen Texten die „Welthaltigkeit“ ab. Tat so, als sei große Literatur immer das Produkt eines Kampfes, den der Autor bestenfalls mit dem Leben bezahlt. Als hätte Vladimir Nabokov, um „Lolita“ zu schreiben, kleinen Mädchen nachstellen oder Kafka für die „Verwandlung“ zum Käfer werden müssen – um nur zwei der großen Bezugspunkte des Kehlmann’schen Kosmos zu nennen.

Jetzt ist Kehlmanns neuer und – um es vorwegzunehmen – bislang bester Roman erschienen. Hinter dem schlichten Titel „F“ versteckt sich ein mit allen erzählerischen Wassern gewaschenes Spiel von hinreißender Leichtigkeit, absurder Komik – und bitterem Ernst.

Im Grunde ist „F“ der Roman von drei Männern, die sich – jeder auf seine Weise – in eine eigene Welt flüchten. Doch was zunächst wie eine einladende Variante erscheint, den Demütigungen des Alltags aus dem Weg zu gehen, entpuppt sich schnell als – sprichwörtlicher – „Highway to Hell“. Aber der Reihe nach:

F wie Familie: „F“ ist der Roman einer Familie. Keiner ganz gewöhnlichen Familie, versteht sich. Nach einem harmlosen Besuch bei einem Hypnotiseur, wir schreiben das Jahr 1984, verschwindet Arthur Friedland, Vater von drei Söhnen, und leidlich erfolgloser Schriftsteller, spurlos. Wenig später erscheint sein Roman „Mein Name sei Niemand“ (eine herrliche Persiflage auf den bedeutungsschwangeren Identitäts-Hinterfrager Max Frisch und esoterischen Stumpfsinn der Marke Paulo Coelho), der schnell zum Kultbuch für Sinnsucher aller Art wird. Einige – auch Goethes „Werther“ grüßt aus der Ferne – schmeißen sich nach der Lektüre von Hochhäusern. Friedlands zweites Buch, ein auf den Kopf gestellter Stammbaum, beginnt – wie könnte es anders sein – mit einem faustischen Teufelspakt.

Fwie Flucht: Angesichts eines abwesenden und doch ständig präsenten, weil von Medienvertretern zum Skandalautor gemachten Vaters, treiben die Versuche seiner drei Söhne, ihrem Schicksal zu entkommen, seltsame Blüten. Während die Zwillinge Eric und Iwan zunächst das machen, was man gemeinhin Karriere nennt, flüchtet sich Martin nach amourösen Rückschlägen ins Priesteramt. Als solcher predigt er Wasser und frisst Schokolade. Bis ihn – wie die Hauptfigur in Dürrenmatts apokalyptischem „Tunnel“ – eine schwabbelige Fettschicht vor der als feindlich empfundenen Umwelt schützt. Er solle abnehmen, rät ihm einer. „Den Teufel werd’ ich tun“, denkt sich Martin.

Fwie Finanzkrise: Arthur Friedlands Sohn Eric beschwört indessen die Geister des Kapitals und wird sie nicht mehr los. Unlautere Geschäfte drohen ihm zum Verhängnis zu werden. Sein Bilderbuchleben geht den Bach runter. Mehrere irrwitzige Wendungen später ist es ausgerechnet Eric, der das Anhäufen von Schuld und Schulden zum Geschäftsmodell gemacht, der eine (äußerst fragwürdige) Rettung erfährt. Gerechtigkeit ist eine Mär, mitunter – auch das lehrt Daniel Kehlmanns neuer Roman – kann Verbrechen durchaus lohnen. Vor allem, weil es immer noch größere Unholde gibt.

Fwie Fälschung: Während der eine Bruder auf Bankrott und Läuterung zusteuert, verwaltet der andere, Ivan, mit Erfolg seinen eigenen Nachlass. Er erfindet einen Maler, fälscht dessen Werke und feiert sich für seine Entdeckung. Diese Idee mag – wie so vieles in „F“ – nicht die neueste sein, aber treffender lässt sich mit den Mechanismen des Kunstmarktes, dem scheinbar ewigen Kreislauf von Sein und Schein, nicht abrechnen.

Daniel Kehlmann. F. Rowohlt, 380 Seiten, 22,95 Euro.

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