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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 29.08.2013

Literatur

Die Betriebstemperatur der Zeit

In seinem neuen Roman bündelt Alex Capus drei Lebensläufe zu einem Zeitbild.

Ein faktentreuer Träumer: Mit seinem Roman „Léon und Louise“ legte der Schweizer Autor Alex Capus 2011 einen Bestseller vor.Foto: Marco Grob

© Marco Grob Ein faktentreuer Träumer: Mit seinem Roman „Léon und Louise“ legte der Schweizer Autor Alex Capus 2011 einen Bestseller vor.Foto: Marco Grob

Innsbruck – Ein kalter Novembertag 1924 am Zürcher Hauptbahnhof: Ein junger Mann, Felix Bloch, beobachtet ein Mädchen, das im hintersten Wagon des Orientexpress eine Zigarette nach der anderen pafft. Wenige Gleis­meter weiter wartet ein anderer Durchreisender, der Kunstmaler und Restaurator Emile Gilliéron, auf seinen Anschlusszug nach Villeneuve am Genfer See. Dort will er die Asche seines Vaters, der als Zeichner Heinrich Schliemanns Hellenen-Fantastereien zu Papier brachte, verstreuen.

Felix Bloch geht Jahre später, als die Luft für jüdischstämmige Pazifisten zusehends dünner wurde, nach Amerika. Zusammen mit Robert Oppenheimer baut er die erste Atombombe. 1952 erhält er den Physiknobelpreis. Das Mädchen, Laura d’Oriano, landet 1943, nach tastenden Gehversuchen als Varieté-Sängerin und wenig erfreulichem Eheleben mit einem glücklosen Schlaumeier, als einzige Frau in der Geschichte Italiens vor einem Erschießungskommando. Und Gilliéron wird später ziemlich dick auftragen und zum „größten Kunstfälscher aller Zeiten“ werden. Was ungefähr genauso fragwürdig ist wie das Beinahetreffen dieser historisch verbürgten Figuren am Hauptbahnhof. Denn selbst der zwar allwissende, aber notorisch unzuverlässig­e Ich-Erzähler in Alex Capus neuem Roman „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ zweifelt: „Ob’s wirklich am selben Tag und zur selben Stunde war, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.“

Und im Grunde ist es auch ziemlich egal, denn die Lebenswege der drei Protagonisten des Buches, jeder für sich ein Sinnbild für Europas kurz­e Atempause vor der mörderischen zweiten Generalmobilmachung, werden sich kein zweites Mal kreuzen.

Capus entwirft ein üppiges Panorama der Zwischenkriegszeit, kombiniert beglaubigte Eckdaten mit ge- und erfundenen Anekdoten, schmückt aus und schweift ab. „Faktentreues Träumen“ nennt der 52-jährige Schweizer diese Methode. Bereits in Romanen wie „Léon und Louis­e“ oder der gefälligen Wildwest-Spielerei „Skidoo“ hat er sie erfolgreich erprobt. Man könnte auch sagen: ausgereizt. „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ ist fraglos elegant, mitunter sogar spannend, stellenweise richtig rührend. Ganz überzeugen kann der Schmöker aber nicht. Capus’ Griff in den Scherbenhaufen der Historie erinnert an die Fälschungen von Gilliéron. Alles ist brillant gemacht, aber die Aura eines Originals fehlt trotzdem. (jole)

Alex Capus. Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Hanser Verlag, 281 Seiten, 20,50 Euro.