Clinton bedauert Amoklauf: „So sind wir nicht“ - Taliban schwören Rache
![]()
Afghanistan ist fassungslos nach dem Amoklauf eines US-Soldaten im Süden des Landes. „So sind wir nicht“, bedauert US-Außenministerin Hillary Clinton.
Foto: EPA
|
||
Merkel in Afghanistan - Besuch von Massaker überschattet 12.03.2012, 07:24
US-Soldat tötet schlafende Kinder, Frauen und Männer 12.03.2012, 06:19
200 Todesopfer durch Lawine in Afghanistan befürchtet 11.03.2012, 07:52
US-Soldat stand bei Amoklauf angeblich unter Alkohol und Stress 16.03.2012, 10:16
Mutmaßlicher US-Amokschütze aus Kuwait in die USA verlegt 17.03.2012, 07:32
Masar-i-Scharif – Das Massaker eines US-Soldaten an Zivilisten hat in Afghanistan Wut, Entsetzen und harte Kritik an den ausländischen Truppen ausgelöst. Das Parlament in Kabul erteilte den internationalen Soldaten eine scharfe Warnung. „Die Toleranzgrenze des afghanischen Volkes ist erreicht“, hieß es in einer am Montag verabschiedeten Mitteilung des Unterhauses (Wolesi Dschirga).
Clinton bedauert Amoklauf: „So sind wir nicht“
US-Außenministerin Hillary Clinton hat den Amoklauf zutiefst bedauert. „Wie viele Amerikaner bin auch ich schockiert über die Tötung unschuldiger afghanischer Dorfbewohner“, sagte sie am Montag in New York. Sie habe ihr Beileid den Familien der Opfer und dem afghanischen Volk ausgedrückt. „So sind wir nicht.“ Die USA würden alles tun, um den Soldaten zur Verantwortung zu ziehen.
„Es ist furchtbar. Grauenhaft. Ich kann mir die Trauer der Familien nicht einmal vorstellen. Kinder sind bei dieser furchtbaren Tat ums Leben gekommen“, sagte sie. Eine vollständige Untersuchung laufe bereits. „Aber dieser schreckliche Vorfall ändert nichts an unserer Verpflichtung, das afghanische Volk zu schützen.“
Merkel auf Blitzbesuch
Bei einem Blitzbesuch am Hindukusch kondolierte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel der afghanischen Regierung. Vom Bundeswehr-Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif aus telefonierte Merkel am Montag mit Präsident Hamid Karsai. Dabei drückte sie dem Präsidenten ihr persönliches Beileid und das der deutschen Bevölkerung anlässlich der „schrecklichen Tat des US-Soldaten“ aus.
Nach afghanischen Regierungsangaben hatte ein inzwischen festgenommener US-Soldat in der Nacht zu Sonntag in der südafghanischen Provinz Kandahar 16 Zivilisten ermordet. Darunter waren neun Kinder und drei Frauen.
Geschätzte Leistungen
Merkel sagte, Karsai habe in dem Telefonat „noch einmal betont, dass die Leistung der deutschen Soldaten im Rahmen von Isaf außerordentlich geschätzt wird“. Das gelte besonders in der Kombination mit dem zivilen Wiederaufbau. Karsai habe sie gebeten, „das den deutschen Soldaten hier auszurichten“.
Merkel betonte, ungeachtet aller Schwierigkeiten halte die Bundesregierung wie geplant am Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan fest. „2014 ist der Abzugstermin“, sagte Merkel. „Wir sind jetzt schon in der Phase der Übergabe in Verantwortung.“ Der Abzugstermin sei international vereinbart worden, zuletzt auf der Afghanistan-Konferenz in Bonn Ende vergangenen Jahres. „Wir sind uns einig, dass bis dahin einiges zu tun ist.“ In ersten Äußerungen nach ihrer Ankunft hatte sie zunächst skeptischer geklungen.
Merkel war am Morgen unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen zu einem nicht angekündigten Besuch in Afghanistan eingetroffen. Im Bundeswehr-Feldlager in Masar-i-Scharif informierte sie sich bei den Soldaten über den Einsatz. Zum Auftakt der eintägigen Visite gedachte sie am Ehrenhain den in Afghanistan gefallenen Soldaten.
Die Taliban kündigten Vergeltung für das Massaker an. „Das Islamische Emirat“ versichere den Hinterbliebenen, „dass es sich an den Invasoren und brutalen Mördern für jeden einzelnen Märtyrer rächen wird“, teilten die Aufständischen auf ihrer Homepage mit.
Verantwortliche „wird zur Rechenschaft gezogen“
Die Internationale Schutztruppe Isaf sicherte zu, dass der Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werde. Das Massaker sei „in seinem dramatischen Ausmaß ein Einzelfall“. US-Präsident Barack Obama hatte sich „tief betrübt“ über den Vorfall gezeigt. „Dieser Zwischenfall ist tragisch und schockierend“, teilte er in Washington mit. Präsident Hamid Karsai sprach von einem „unverzeihlichen Verbrechen“. Knapp drei Wochen nach den Koranverbrennungen durch US-Soldaten belastete der neuerliche Vorfall das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Kabul und Washington.
Die „New York Times“ zitierte am Montag in ihrer Online-Ausgabe Dorfbewohner, die sagten, der Unteroffizier sei von Tür zu Tür gegangen und schließlich in drei verschiedene Häuser eingedrungen. Dort habe er seine Opfer getötet und mehrere der Leichen verbrannt, darunter auch die von vier Mädchen im Alter von unter sechs Jahren.
Verheirateter Vater zweier Kinder
Die „New York Times“ berichtete weiter, der Unteroffizier sei von seiner Basis im Unruhedistrikt Pandschwai aus mehr als eine Meile (1,6 Kilometer) weit zum Tatort gelaufen. Der mutmaßliche Einzeltäter habe sich anschließend ergeben. Bei ihm handele es sich um einen 38-jährigen Feldwebel, der verheiratet sei und zwei Kinder habe. Er sei seit vergangenem Dezember in seinem ersten Afghanistan-Einsatz. Zuvor sei er dreimal im Irak stationiert gewesen.
Nach Darstellung der Internationalen Schutztruppe Isaf handelte es sich bei dem Amokschützen um einen Einzeltäter. Das iranische Unterhaus forderte am Montag von der US-Regierung, „die Täter sobald wie möglich in einem öffentlichen Gericht in Afghanistan unter Beteiligung des afghanischen Volkes zu bestrafen“. Damit solle all jenen eine Lektion erteilt werden, „die das Blut von Afghanen unter irgendeinem Vorwand vergießen“. (dpa)
aktualisiert: Mo, 12.03.2012 19:52






