15.09.2012, 12:16  Aktualisiert: 26.09.2012, 10:51 
Wut über Schmäh-Film eskaliert

Al-Kaida ruft zu Terror auf - USA ziehen Diplomaten ab

Proteste, Randale und Aufmarsch von Extremisten: Der islamfeindliche US-Film hat eine Welle der Gewalt ausgelöst. Die USA rufen ihre Bürger mittlerweile zum Verlassen von Tunesien und dem Sudan auf. Indes verhörte die US-Polizei den mutmaßlichen Macher des Videos.
Die gewaltsamen Proteste gegen das Schmäh-Video über den Propheten Mohammed erreichen immer mehr Länder, nun auch Australien.
Foto: EPA

Dubai – Angesichts der gewaltsamen Proteste gegen den Mohammed-Schmähfilm hat die US-Regierung ihr Botschaftspersonal aus dem Sudan und Tunesien zurückbeordert und zugleich eine Reisewarnung für die beiden Länder ausgegeben. Alle Angehörigen sowie das nicht dringend benötigte Botschaftspersonal werde aus den beiden islamischen Ländern evakuiert, teilte das US-Außenministerium am Samstag mit. US-Bürgern wurde davon abgeraten, sich in Tunesien und Sudan aufzuhalten. In beiden Ländern hatten Demonstranten versucht, in die US-Botschaften einzudringen.

Die gewalttätigen Proteste gegen den Mohammed-Schmähfilm sind am Samstag in muslimischen Ländern fortgesetzt worden, erreichten jedoch nicht die Dimensionen des Vortages. In Kairo stürmten Sicherheitskräfte den Tahir-Platz nahe der US-Botschaft um eine Menge von mehreren Hundert Demonstranten auseinanderzutreiben. Während in Afghanistan die radikal-islamische Al-Kaida Muslime weltweit zu weiteren Angriffen auf Botschaften und Diplomaten der USA aufriefen, warnte in Berlin Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle vor neuen Attacken auf die deutsche Botschaft im Sudan.

250 Verletzte seit Beginn der Proteste in Ägypten

In Kairo war in der Nacht zum Samstag ein 35 Jahre alter Mann in der Nähe der stark gesicherten US-Botschaft erschossen worden. Die Protestierer wollten den amerikanischen Botschafter aus dem Land werfen, um die USA für den Film zu strafen, in dem der Religionsbegründet Mohammed unter anderem als blutrünstiger Kinderschänder und Tölpel dargestellt wird. Seit Dienstag wurden bei den Protesten nach offiziellen Angaben 250 Menschen verletzt. Ägyptens neuer Präsident, der Muslimbruder Mohammed Mursi, versprach die Botschaft zu schützen, forderte die USA aber auch auf, Ermittlungen gegen die Urheber des Films einzuleiten.

In Tunesien stieg die Zahl der Todesopfer bei den Attacken auf die dortige US-Vertretung auf vier. Die Polizei war gegen Hunderte von Demonstranten in Tunis vorgegangen, die Fenster des Gebäude einschlugen und die Sicherheitskräfte mit Steinen und Brandsätzen bewarf. Ein Reuters-Reporter wurde Zeuge, wie die Polizei das Feuer auf Kundgebungsteilnehmer eröffnete.

US-Polizei verhörte mutmaßlichen Macher

Die US-Polizei hat den mutmaßlichen Macher des islamfeindlichen Internetvideos vernommen, das in der muslimischen Welt heftige Proteste und Gewalt auslöste. Ein Polizeisprecher sagte am Samstag, Nakoula Besseley Nakoula sei am frühen Morgen von Polizisten aus seinem Haus im kalifornischen Cerritos abgeholt und verhört worden. Zu seiner Tarnung verhüllte sich der Mann mit Mantel, Hut, Schal und Brille.

Der Polizei zufolge sollte geprüft werden, ob Nakoula gegen Gesetze verstoßen habe. Die Vernehmung dauerte demnach aber nur kurz. Was dabei herauskam, war zunächst nicht klar. Beim Fernsehsender NBC News hieß es, Nakoula habe seiner Vernehmung selbst zugestimmt.

Nakoula, der als Urheber des Films „Die Unschuld der Muslime“ gilt, ist nach eigenen Angaben ein 55-jähriger koptischer Christ. Am Freitag teilte er mit, die Veröffentlichung des Videos nicht zu bereuen, sich angesichts der Angriffe auf westliche Einrichtungen in der islamischen Welt aber „schuldig“ zu fühlen. Einem Medienbericht zufolge befand sich Nakoula im Jahr 2009 wegen des Verdachts auf Sozialbetrug im Visier der US-Justiz. Laut einem anderen Medienbericht saß er auch schon ein Jahr im Gefängnis, nachdem Drogen bei ihm gefunden worden waren.

Rund 100 Demonstranten in Paris festgenommen

In Paris hat die Polizei etwa 100 Menschen in der Nähe der US-Botschaft festgenommen. Die Demonstranten wollten an einer nicht angemeldeten Kundgebung teilnehmen, meldete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Polizeiquellen.

Mehrere Dutzend Männer, Frauen und Kinder, die offensichtlich den Salafisten nahe stehen, hätten in der Umgebung der Botschaft wild demonstriert und seien mit Polizeikräften zusammengestoßen, hieß es.

Warnung vor weiteren Angriffen

Westerwelle warnt vor weiteren Angriffen auf die deutsche Botschaft im Sudan. „Außenminister Westerwelle fordert von den sudanesischen Behörden, dass bei den für morgen angekündigten Demonstrationen Gewalt gegen diplomatische Vertretungen verhindert wird“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. In Khartum hatte am Freitag eine Menschenmenge die vorher geräumte deutsche Botschaft teils demoliert und ein Feuer gelegt.

Ein Taliban-Sprecher appellierte in Afghanistan, „die Botschaften Amerikas aus muslimischen Ländern rauszuwerfen“. Wer immer auf amerikanische Botschafter oder Diplomaten treffe, solle diese töten. Die Taliban bekannten sich zu dem Angriff auf das US-Lager Camp Bastion in der Unruheprovinz Helmand, bei dem zwei US-Soldaten und mindestens 17 Angreifer getötet wurden. Dies sei aus Vergeltung für den Film geschehen. Ein anderer Taliban-Sprecher erklärte jedoch, die Attacke habe dem Mitglied des britischen Königshauses, Prinz Harry, gegolten. Captain Wales ist zurzeit in Afghanistan im Einsatz und ist erklärtes Ziel der Taliban.

Al-Kaida rächt mit Angriff auf US-Konsulat Tötung seiner Nummer zwei

Auch um die Hintergründe zum Angriff auf das US-Konsulat in Libyen herrscht Unklarheit. Der tödliche Angriff auf das US-Konsulat war ein Racheakt für die Tötung der Nummer zwei des Terrornetzwerks Al-Kaida. Das erklärte die Gruppe Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) laut dem auf die Überwachung islamistischer Websites spezialisierten US-Unternehmen SITE.

Laut SITE erklärte Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel, die Tötung des Al-Kaida-Vizechefs, des Libyers Abu Yahya al-Libi, im Juni in Pakistan habe die „Söhne von (Libyens Unabhängigkeitshelden) Omar al-Mokhtar“ erst richtig angefeuert und sich bei jenen rächen lassen, „die unseren Propheten angreifen“. Direkte Verantwortung für den Angriff, bei dem unter anderen der US-Botschafter Christopher Stevens getötet wurde, übernahm die Organisation nicht. Der Angriff erfolgte am 11. September - wegen der an diesem Tag im Jahr 2001 erfolgten Anschläge in den USA ein für Islamisten symbolisches Datum.

Der Chef der libyschen Volksversammlung, Mohammed al-Magarief, sagte der Nachrichtenagentur AFP, an der Attacke auf das UN-Konsulat seien auch ausländische Kämpfer beteiligt gewesen. Der Angriff sei „geplant“ gewesen und peinlich genau ausgeführt worden. Von offizieller US-Seite hieß es, die Angreifer hätten den Protest vor den Konsulat gegen den islamfeindlichen Film als „Vorwand“ für ihre Attacke genutzt.

Al-Kaida ruft zu weiteren Angriffen auf US-Botschaften auf

Die radikal-islamische Al-Kaida hat die Muslime weltweit zu weiteren Angriffen auf Botschaften und Diplomaten der USA aufgerufen. Die Attacken wütender Muslime gegen Botschaften der USA und anderer westlicher Länder in den vergangenen Tagen seien die „natürliche Antwort auf eine enorme Beleidigung“ gewesen, teilte die Organisation Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel am Samstag auf ihrer Internetseite mit.

Der in den USA veröffentlichte Schmähfilm gegen den Propheten Mohammed sei Teil eines Kreuzzugs gegen den Islam. Der Vorfall sei so groß, dass alles darauf konzentriert werden sollte, „die Botschaften Amerikas aus muslimischen Ländern rauszuwerfen“. Wer immer auf amerikanische Botschafter oder Diplomaten treffe, sollte dem Beispiel der Libyer folgen, die den US-Botschafter getötet hätten.

Der jemenitische Al-Kaida-Zweig, der von den USA als der gefährlichste eingestuft wird, rief zudem die Muslime in den westlichen Ländern auf, auch dort Schlüsseleinrichtungen der jeweiligen Staaten anzugreifen.

Proteste auch in Australien

Die Proteste erfassten sogar Australien. In Sydney versammelten sich Hunderte von Demonstranten und lieferten sich Auseinandersetzungen mit der Polizei. Steine und Flaschen flogen, auf Plakaten wurde gefordert, die Beleidigung des Propheten Mohammed mit Enthauptung zu bestrafen.

In Kalifornien wurde unterdessen ein Mann im Zusammenhang mit dem Film befragt. Der 55-Jährige sei freiwillig auf das Polizeirevier gekommen, sagte ein Sprecher des Sheriffs in einem Vorort von Los Angeles. Der Befragte hat Gerichtsunterlagen zufolge eine Gefängnisstrafe wegen Bankbetrugs abgesessen und wurde im Juni 2011 aus der Haft entlassen. Zumindest Teile des Films wurden anschließend produziert. Damit könnte er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen haben. Allerdings hat er einem Telefongespräch mit seinem koptischen Bischof eine Verwicklung zurückgewiesen.

Der Film selbst ist nicht Gegenstand von Ermittlungen, weil die Darstellungen unter den starken Schutz der Meinungsfreiheit in der amerikanischen Verfassung fallen. Auch Blasphemie und die Verunglimpfung von Religionsgemeinschaften sind in den USA nicht strafbar.

US-Marines im Sudan, in Jemen und Libyen

US-Präsident Barack Obama bekräftigte, das amerikanische Volk habe tiefen Respekt für Menschen aller Glaubensrichtungen. Allerdings: „Es gibt keine Entschuldigungen für die Angriffe auf unsere Botschaften und Konsulate.“ Die USA entsandten Marineinfanteristen in den Sudan, um ihre Gesandtschaft zu schützen. Bereits zuvor waren Marines nach Libyen und in den Jemen geschickt worden.

Der US-Präsident rechnet laut einem Zeitungsbericht nicht mit einer Beruhigung der Lage im Nahen Osten. Das Weiße Haus gehe davon aus, dass die gewaltsamen Proteste, bei denen vier US-Diplomaten getötet wurden, zu einer „anhaltenden Krise mit unvorhersehbaren diplomatischen und politischen Konsequenzen“ führen könnten.

Eine Folge könnte sein, dass die USA ihre diplomatische Präsenz in der Region vermindern, schreibt die „New York Times“ am Samstag in ihrer Online-Ausgabe.

Großmufti von Saudi-Arabien verurteilt Angriffe auf Botschaften

Der Großmufti von Saudi-Arabien hat die jüngsten Angriffe auf Botschaften und Diplomaten als unislamisch verurteilt. Zwar nannte Scheich Abdulaziz bin Abdullah al-Sheikh am Samstag in einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur SPA den Film elendig und kriminell. Allerdings erklärte er: „Es ist verboten, die Unschuldigen für die bösen Verbrechen der Schuldigen zu bestrafen.“ Auch dürften öffentliche Gebäude nicht Feuer und Zerstörung ausgesetzt werden.

Hunderte junge Afghanen protestieren

Als Reaktion auf den in den USA produzierten islamfeindlichen Film sind in der afghanischen Hauptstadt Kabul am Sonntag Hunderte junge Menschen auf die Straße gegangen. „Tod für Amerika“, skandierten die Demonstranten, bei denen es sich nach Polizeiangaben vorwiegend um Studenten handelte. In der Nähe der Universität blockierten sie demnach eine Straße. Die Polizei war nach eigenen Angaben mit einem Großaufgebot von Beamten im Einsatz. Die Polizei gab die Zahl der Protestierenden mit 1.500 an und sprach von einer „friedlichen Kundgebung“.

Im Süden Afghanistans hatten Angreifer in einheimischen Polizeiuniformen am frühen Sonntag vier NATO-Soldaten getötet. Am Samstag waren bei einem ähnlichen Vorfall in der Region zwei britische Soldaten getötet worden. Zuvor waren zwei US-Soldaten bei einem Angriff von Taliban auf den NATO-Stützpunkt gestorben, auf dem auch der britische Prinz Harry stationiert ist. Nach jüngsten NATO-Angaben wurden dabei zudem sechs US-Kampfjets zerstört und zwei weitere beschädigt. (APA/AFP/Reuters/dpa)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Sa, 15.09.2012  12:16
aktualisiert: Mi, 26.09.2012  10:51
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