28.10.2012
Österreich

Schau-Lust und Helfer-Frust

In Österreich sind Verkehrsteilnehmer gesetzlich dazu verpflichtet, Unfallopfern Erste Hilfe zu leisten. Die Realität ist jedoch erschreckend. Laut einer ÖAMTC-Untersuchung greift weniger als ein Fünftel helfend ein.

Von Daniel Feichtner

Ein Unfall auf der Autobahn. Ein Auto liegt am Dach. Viele andere Fahrzeuge werden langsamer, manche halten sogar an. Handys werden gezückt. Doch Hilfe leistet niemand. Rettungskräfte werden erst viel zu spät verständigt. Stattdessen schießen Lenker Fotos, einige sogar Videos. Manche sehen weg, viele hin. Doch geholfen wird von niemandem.

Immer wieder spielen sich an Unfallorten solche Szenen ab. Darauf weist seit vergangenem Mittwoch die Aktion „Die Zeit heilt nicht alle Wunden“ hin. Mit dieser Kampagne will der Samariterbund Verkehrsteilnehmer dazu anhalten, nicht weg- oder gar zuzusehen, sondern einzugreifen und oft dringend benötigte Erste Hilfe zu leisten.

Wie eine Untersuchung des ÖAMTC im vergangenen Jahr gezeigt hat, sind nämlich nur etwa 15 Prozent aller Verkehrsteilnehmer gewillt, an einer Unfallstelle anzuhalten, um zu helfen. Ein großer Teil der Autolenker ignoriert ein verunfalltes Fahrzeug. Zudem werden Unfälle häufig dazu genutzt, die Sensationsgier zu befriedigen. „In Zeiten von Handykameras, Facebook und Youtube gehören fotografierende und filmende Schaulustige ebenso zum Alltag von Rettungskräften wie der Umgang mit den Unfallopfern selbst“, so Gerhard Czappek vom Samariterbund Tirol.

Der Hauptgrund, dass Zeugen eines tragischen Ereignisses keine Hilfe leisten, ist oft Unsicherheit. „Oft spielt die Angst, etwas falsch zu machen, eine große Rolle“, erklärt Czappek. Viele Nicht-Helfer befürchten, durch Fehler bei der Ersthilfe die Situation zu verschlimmern und dafür gerichtlich belangt zu werden. Realistisch ist diese Angst laut Czappek allerdings nicht. Der einzige Fehler, für den man verantwortlich gemacht werden kann, ist, nicht zu helfen. Verkehrsteilnehmer sind in Österreich zur Hilfe verpflichtet, in welchem Ausmaß entscheidet die Situation. Oft genügt es, Rettungskräfte zu informieren. Wer allerdings selbst das nicht tut, macht sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig.

Unsicherheit und Überforderung sieht auch ÖAMTC-Chef Andreas Heis als Hauptgrund für die fehlende Bereitschaft zur Ersthilfe. „Lenker, die an einer Unfallstelle nicht helfen und weiterfahren, wollen sich der Situation nicht aussetzen. Sie versetzen sich selbst nicht in die Rolle des Opfers.“

Wie wichtig Sicherheit im Ernstfall ist, zeigt auch die Versuchsreihe des ÖAMTC. Dort bewiesen jüngere Lenker häufiger das Engagement, Hilfe zu leisten. „Am ehesten lässt sich das damit erklären, dass jüngere Lenker ihren Erste-Hilfe-Kurs erst vor kurzer Zeit besucht haben“, so Verkehrspsychologin Marion Seidenberger. Daher würden sie sich im Ernstfall sicherer fühlen und eingreifen.

Ein weiteres Problem ist das Gefühl der Anonymität. Ein Unfallzeuge, der sich unbeobachtet fühlt – sei es, weil er alleine ist, oder weil er in einer Menschenmenge steht –, ist weniger dazu geneigt, zu helfen. So erscheint vielen Schaulustigen Erste Hilfe als ein Problem der anderen. Zumindest bis ein couragierter Zeuge eingreift.

Fritz Eller vom Roten Kreuz Tirol bringt das Problem auf den Punkt. „Nicht-Helfen steckt an“, erklärt er, „Helfen aber auch.“ Ihm zufolge braucht es oft einen „Leiter“, der andere motiviert.

Schaulustigen muss zudem klar sein, dass sie nicht nur Unfallopfer zusätzlich gefährden, sondern auch sich selbst. Abgesehen davon, dass sie den Zugang und die Arbeit der Rettungskräfte behindern, begeben sie sich, ohne es zu merken, selbst in den Gefahrenbereich. Auffahrunfälle nach Unfällen sind nur ein Beispiel dafür.

Darüber, wie man die Bevölkerung zum Helfen motivieren könnte, sind sich auch Experten nicht ganz einig. Fritz Eller sieht in der Medienarbeit eine große Chance. „Lob und die permanente Information, dass das Einzige, was man in der Hilfe falsch machen kann, das Nichtstun ist“ sind laut ihm das Erfolgsrezept, mit dem das Rote Kreuz für mehr Bereitschaft zur Ersthilfe sorgen will.

Andreas Heis sieht die Sache pragmatisch. Er fordert Lenker dazu auf, erst zu denken und dann zu handeln – anstatt reflexartig wegzusehen. „Wer sich einmal in die Lage des Opfers versetzt, bevor er Zeuge eines Unfalls wird, der wird helfen, wenn es wirklich passiert“, erklärt er überzeugt. Der Samariterbund hält Jugendarbeit für besonders wichtig. „Man muss in der Volksschule anfangen, Kinder dazu zu sensibilisieren, Hilfe zu leisten“, erklärt Czappek. „In anderen Ländern ist das bereits gang und gäbe“, dementsprechend erhofft er sich auch in Österreich eine Verbesserung durch solche Maßnahmen.

Wie viel Wirkung die Kampagne des Samariterbunds haben wird, wird sich noch zeigen. Spätestens dann, wenn eine neue Erhebung belegt, wie hilfsbereit Österreichs Lenker inzwischen sind...

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 28.10.2012
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