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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 02.05.2013

Nach Absturz:

Red Bull zwischen Fall und Unfall

Getränkehersteller Red Bull baut seine PR-Aktivitäten nicht zuletzt auf Extremsport auf. Kritiker sprechen angesichts einiger Todesfälle von Zynismus und Perversion.

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Von Florian Madl

Innsbruck – Luftige Grüße. Damit zeichnete Guido Gehrmann, am Mittwoch in Tirol verunglückter Pilot einer prominenten Flugstaffel, die Flieger-Blogs. Sein Microjet galt als kleinstes Düsenflugzeug, James Bond rettete diese fliegende Kanonenkugel in „Octopussy“ das Leben. Ihm nicht. Und damit erhielt die Diskussion um die Szene des Extremsports im Allgemeinen und die PR-Aktivitäten von Getränkehersteller Red Bull im Besonderen neue Nahrung. Erst kürzlich wurde das Thema im Rahmen einer Fernseh-Dokumentation der ARD losgetreten. Dabei hatte Gehrmanns Unfall (siehe Artikel unten) nichts mit waghalsigen Manövern zu tun. Vielmehr ging es um den Anflug zum Motorsport­event „Kini Fullgas Day“ im Zillertal. 20.000 Zuschauer harrten dort zahlreicher Programmpunkte, darunter der Schwerkraft enthobene Motocross-Maschinen und eben Kunstflugzeuge. Von Angst unter den Anwesenden keine Rede, vielmehr von Neugier. Motto: „Schau an, was der kann ...“

„Die dunkle Seite von Red Bull“, titelte in der Vorwoche der deutsche öffentlich-rechtliche Sender eine Dokumentation. Und er sparte nach dem Tod von Extremsportlern in den vergangenen Jahren nicht mit Kritik. Allerdings unkommentiert – Red Bull verzichtete angesichts einer sich abzeichnenden Tendenz in der Berichterstattung auf jegliche Stellungnahme. Das schmälerte die Aussagekraft, und auch die journalistische Herangehensweise wurde kritisiert. Zurück blieb ein Verdacht, der Red Bull ungeachtet seiner Inszenierung begleitet: Die verunglückten Firmensportler könnten unter Druck gesetzt zu viel riskiert haben.

Der Tiroler Extremskifahrer Axel Naglich, einer der Arrivierten seiner Zunft, will die Kritik an seinem Sponsor nicht stehen lassen: „Das Vorhandensein von Sponsoren ermöglicht sehr oft auch einfach eine größere Sicherheit und damit Risikominimierung“, hält der mittlerweile 45-Jährige fest (siehe auch Interview rechts). Als einer der Verantwortlichen der Hahnenkammrennen spielt Naglich auch auf die schwierigste Abfahrt der Welt in seiner Heimatstadt an: „Wer die Streif runterfährt, kennt sein Risiko genau.“ Ein Poster namens Jay bringt auf der ARD-Website seinen Unmut über die Red-Bull-Kritik zum Ausdruck: „Es muss nicht jeder verstehen, wieso wir teilweise unser Leben riskieren, genauso wie wir nicht verstehen müssen, wieso ihr euer Leben in Bürozimmern eingesperrt verbringt!“

Der ehemalige Skiflug-Weltrekordler Toni Innauer nahm schon in einem seiner Bücher auf den Extremsport Bezug, gestern konkretisierte er: „Früher war es das Wildern, womit heranwachsende Menschen ihr Rebellen-Dasein zum Ausdruck brachten. Jetzt suchen Heranwachsende den nicht reglementierten Sport, ein Abenteuer eben.“ In Zeiten von Helmkameras und sozialen Netzwerken würde man das Unterfangen mittlerweile jedem mitteilen können, die Verwendung für PR-Zwecken sei daher „naheliegend“.

Dass die Vermarktung auf fruchtbaren Boden fällt, dokumentiert der Stratossprung von Felix Baumgartner aus über 39.000 Metern Höhe. Das Medienereignis des Jahres 2012 soll einen Werbewert von einer Milliarde Euro mit sich gebracht haben, die Investitionen sollen sich auf 100 Millionen belaufen haben.

Der in der ARD zitierte Schweizer Werbefachmann Hermann Strittmatter spricht angesichts tödlicher Unfälle wie jenem des Basejumpers Ueli Gegenschatz von „Zynismus und Perversion“: „Es ist schändlich, es ist sogar ein Mangel an Fantasie und Kreativität, wenn man am Schluss im Marketing nichts mehr Besseres weiß, als die Leute ihr Leben riskieren zu lassen.“

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