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Syrischer Österreicher: „Dachte, ich sehe meine Familie nie wieder“

Der Doppelstaatsbürger Jamal Orabi wurde nach mehrmonatiger Haft unter Folter in Syrien vor vier Tagen freigelassen, seit Samstag befindet er sich wieder in Wien.

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Wien/Damaskus - Die Arme und Beine von Jamal Orabi sind übersät mit zahlreichen kleinen, kreisrunden Narben. „Das sind Folterspuren“, erzählt der Österreicher syrischer Herkunft der APA. „Hier haben sie Zigaretten auf meiner Haut ausgedrückt.“ Der Doppelstaatsbürger wurde nach mehrmonatiger Haft unter Folter in Syrien vor vier Tagen freigelassen, seit Samstag befindet er sich wieder in Wien.

Bis heute weiß der 57-Jährige weder über den wahren Hintergrund seiner Verhaftung, noch den seiner Freilassung bescheid. Klar ist, dass er und seine Familie überglücklich über seine wiedergewonnene Freiheit sind. „Mein Onkel ist wirklich ein Held“, sagt Orabis Neffe Mohammed. „Wir sind stolz auf ihn.“

Um humanitäre Hilfe zu leisten

Orabi ist seiner Schilderung nach im vergangenen Dezember nach Syrien gefahren um humanitäre Hilfe zu leisten: „Ich habe einen gebrauchten Krankenwagen gefüllt mit Medikamenten, medizinischen Geräten und Grundnahrungsmitteln für Kleinkinder von Österreich über die Türkei nach Aleppo gebracht.“ Insgesamt habe er das zwischen Oktober und Dezember 2012 fünf Mal gemacht. Bei seinem letzten Aufenthalt im Dezember hätten Soldaten dann plötzlich seine Unterkunft in Aleppo gestürmt und ihn mitgenommen. Über den Grund seiner Verhaftung wurde er bis heute nicht informiert.

Beim anschließenden Verhör, bei dem durchgehend Waffen auf ihn gerichtet gewesen seien, wurde er gefragt, ob er mit der Freien Syrischen Armee (FSA) zusammenarbeite und ob er Waffen an die syrische Opposition geliefert habe. Beide Fragen habe er verneint. „Ich habe niemals Waffen geliefert, ich hasse Waffen – auf beiden Seiten“, unterstreicht Orabi. „Mein Engagement beruhte rein auf humanitärer Hilfe, ich wollte den Syrern helfen. Zudem wollte ich wissen, was in dem Land vor sich geht.“ Seine Peiniger verlangten zudem Orabis Facebook- und E-Mail-Passwort um seine Aktivitäten überprüfen zu können. „Auf Facebook habe ich eine Art live-Berichterstattung aus Syrien gemacht. Ich habe dort gepostet, was ich gesehen habe.“

Bei seinem Verhör trug der syrisch-österreichische Doppelstaatsbürger lediglich seinen syrischen Personalausweis mit sich. Den österreichischen Pass hatte er bei seinem überstürzten Verlassen in seiner Unterkunft zurückgelassen, weshalb man ihm anfangs keinen Glauben schenkte, als er während des Verhörs seine österreichische Staatsbürgerschaft betonte.

„Die ersten 15 Tage waren die schlimmsten“

„Die ersten 15 Tage in Haft waren die schlimmsten“, erzählt Orabi. Zusätzlich zu den ausgedrückten Zigaretten sei er mit einem dicken Stromkabel ausgepeitscht, getreten und geschlagen sowie an den Händen aufgehängt worden. „Es war kaum auszuhalten, schrecklich. Ich dachte, ich sehe meine Familie nie wieder“, schildert der Familienvater. „Mit verbundenen Augen haben sie mich gezwungen ein gefälschtes Geständnis mit meinem Fingerabdruck zu unterzeichnen, und ich war bereit alles zu unterzeichnen, nur damit das endlich aufhört“, so Orabi. „Nur eine Bitte hatte ich an sie: mir keine Waffenlieferungen zu unterstellen.“ Sein gefälschtes Geständnis habe insgesamt acht Blätter umfasst. „Ich habe bis heute keine Ahnung, was sie mir da unterstellten und was ich da unterzeichnet habe.“

Seine rund sechs Quadratmeter große Zelle habe er mit elf weiteren Personen geteilt. „Zu essen hat es pro Tag einen einzigen kleinen Teller mit Bulgur und ein winziges Stück Brot für uns alle gemeinsam gegeben.“ Danach sei er für zwanzig Tage an eine andere Stelle mit Folterpause verlegt worden. Von dort sei er an die Verwaltungszentrale des Geheimdienstes in Damaskus, der sogenannten „Abteilung Palästina“, weitergereicht worden. „Das ist das schlimmste Gefängnis von Syrien, das ist unter den Syrern allgemein bekannt“, erklären Orabi und sein Neffe Mohammed. Normalerweise komme man dort nicht mehr lebend heraus.

Mit seiner neuerlichen Verlegung am 23. Februar 2012 in das rund 30 Kilometer nördlich von Damaskus gelegene Gefängnis „Adra“ konnte Orabi zum ersten Mal wieder Kontakt zur Außenwelt aufnehmen. Er habe sofort seinen Bruder angerufen und über seinen Verbleib informiert. „Das war so erleichternd“, sagt sein Neffe Mohammed. „Wir glaubten, dass er bereits tot ist.“

„Mussten aus Platzmangel in Schichten schlafen“

In Adra, wo er auf seinen Gerichtsprozess wartete, teilte Orabi seine Zelle mit 101 weiteren Insassen. „Die Zelle hatte ungefähr 35 Quadratmeter. Wir mussten aus Platzmangel in Schichten schlafen, während 50 von uns standen, schlief der Rest von uns am Boden. Dicht aneinandergedrängt wie Sardinen in der Dose“, schildert Orabi. „Dort war es trotzdem ein bisschen besser, immerhin hatte ich zwei Decken und konnte mir zwei weitere im Gefängnis kaufen.“ Zudem konnte er dort von Angehörigen besucht werden.

Am 4. Juni sei er dann endlich vor Gericht gestanden. Die Anklage gegen ihn lautete, dass er „Kontakt mit Terroristen“ gepflegt habe und den „Krankenwagen und die Medikamente für Terroristen“ besorgt habe. „Sie haben diese Anklage ohne jegliche Beweise gegen mich erhoben“, so Orabi. „Ich habe dem Richter auf sein Fragen gesagt, dass ich das alles nur unter Druck und Folter gestanden habe, damit die Folter endlich aufhört. Und dann wurde ich mit etwa 40 weiteren Personen, denen es ähnlich wie mir ergangen war, freigelassen“, erzählt er, sichtlich immer noch erstaunt über diesen richterlichen Entscheid. Über die Hintergründe dieses Urteils wisse er ebenfalls nicht Bescheid.

Aus Sicht von Mohammed und Jamal Orabi ist die Freilassung zum Teil seiner österreichischen Staatsbürgerschaft, dem Engagement von Bundespräsident Heinz Fischer und dem österreichischen Außenministerium zu verdanken. „Wir möchten uns hiermit bei Fischer und dem Außenamt bedanken“, sagten die beiden abschließend stellvertretend für die gesamte Familie Orabis. (APA)

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