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Prozess in Wien

Tod von 23-jähriger Frau nach Routine-OP: Keiner will Schuld sein

Der jungen Frau sollen nach einer Operation zu viele Medikamente verabreicht worden sein. Doch sowohl die behandelten Ärzte als auch das Krankenhaus Göttlicher Heiland weisen jegliche Schuld von sich.

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Wien – Im November 2008 starb eine 23-jährige Frau nach einer Routineoperation im Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien an den Folgen einer medikamentösen Atemdepression. Bei dem am Montag gestarteten Prozess am Straflandesgericht Wien bekannten sich zwei Ärzte und das nach dem Verbandsverantwortlichkeitsgesetz (VbVG) mitangeklagte Spital „nicht schuldig“. Die Anklage legt dem Operateur - einem Facharzt für Orthopädie -, einem Turnusarzt und dem Spitalserhalter fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen zur Last.

Die 23-Jährige hatte sich nach dem Abschluss eines Wirtschaftsstudiums ihre schmerzhaften Plattfüße operieren lassen. Die OP verlief ohne Komplikationen. Die junge Frau klagte allerdings im Aufwachraum und später auf der Station über starke Schmerzen. Sie bekam daraufhin von einem Turnusarzt weiter Schmerzmittel verabreicht, obwohl sie bereits erhebliche Mengen an Voltaren, Dipidolor, Perfalagan und Gewacalm erhalten hatte.

Mutter: „Sie hat gezittert am ganzen Körper“

Am Montagnachmittag sagten auch die Eltern des Todesopfers im Zeugenstand aus. Die Mutter berichtete von starken Schmerzen ihrer Tochter: „Sie hat gezittert am ganzen Körper.“ Die 62-Jährige gab unter Wahrheitspflicht zu Protokoll, dass nach der Operation um 16 Uhr ein Arzt hätte kommen sollen. Eine Stunde später kam der Operateur, allerdings nur auf einen Anstandsbesuch. Beide Elternteile konnten sich nicht an eine Visite des Turnusarztes erinnern, obwohl sie bis 19.00 Uhr am Bett ihrer Tochter zugegen waren.

Diese Wahrnehmung bestätigte die Zimmernachbarin, die die 23-Jährige als „voll da“ beschrieb. Als die Zimmergenossin am nächsten Morgen gegen 7.00 Uhr aus dem Bad kam und die 23-Jährige wecken wollte, habe sie „gespürt dass der große Zeh kalt war“.

Gutachterin ortet „organisatorischen Mangel“

Für die Intensivmedizinerin Sylvia Fitzal, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein Gutachten erstellt hat, ist klar, dass „das pharmakologische und klinische Wissen über eine effiziente Schmerztherapie bei beiden zuständigen Abteilungen nicht vorhanden war“. Die Sachverständige geht davon aus, „dass im Krankenhaus Göttlicher Heiland ein organisatorischer Mangel bestand“.

Dem Operateur lastet die Anklagebehörde an, die Verabreichung von Dipidolor angeordnet zu haben, ohne sich zu informieren, inwieweit diese bereits Schmerzmittel bekommen hatte. „Ein lächerlicher Vorwurf. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kommt, so einen Vorwurf zu erheben. Da dürften die Recherchen nicht sehr genau gewesen sein“, hielt dieser nun vor Richterin Andrea Philipp dagegen.

Der Orthopäde betonte, er sei ja der Allererste gewesen, der noch vor dem Eingriff im Sinn einer Tagesverordnung eine Standard-Medikation angeordnet habe. Diese umzusetzen und bei Bedarf zu ergänzen bzw. verändern, „kann ich vom Operationssaal aus nicht steuern“.

Orthopäde: Frau machte „unauffälligen Eindruck“

Mit der Krankengeschichte und seinen darin enthaltenen Eintragungen sei die junge Frau dann in den Aufwachraum und später auf die allgemeine Station gekommen. Er habe sie dort - nachdem er fünf weitere Operationen durchgeführt hatte - am Abend auch besucht: „Das war ein Anstandsbesuch, kein dienstlich begründeter Besuch.“ Er sei aber grundsätzlich jeden Tag - auch samstags und sonntags - auf Visite gegangen. Die Frau habe im Krankenbett an sich einen „vollkommen unauffälligen“ Eindruck gemacht: „Sie hat das Abendessen bei sich gehabt.“ Mehr Handlungsbedarf habe er nicht gesehen. Sie habe Schmerzen gehabt, sich aber im Normalzustand befunden.

Dem Turnusarzt kreidete Staatsanwältin Julia Kalmar an, es in weiterer Folge unterlassen zu haben, den Schmerzen nachzugehen und die Frau persönlich und eingehend zu untersuchen. Er habe sie stattdessen weiter mit Medikamenten versorgt, ohne einen Oberarzt beizuziehen und die Überwachung der Patientin mittels Monitor oder Pulsoximeter zu veranlassen. Aus mehreren eingeholten Gutachten ergebe sich jedoch, dass aufgrund der Kombination aus den verschiedenen Schmerzmitteln die Gefahr einer Atemdepression gegeben war und die 23-Jährige „sofort und ständig“ - so die Anklage - zu überwachen gewesen wäre.

Info über Verschleimung der Patientin „untergegangen“

Zuletzt hatte eine Diplomkrankenschwester den Turnusarzt noch auf eine Verschleimung der Patientin aufmerksam gemacht. Dieser habe es jedoch unterlassen, „diese persönlich aufzusuchen und die offensichtlich erforderlichen und zumutbaren medizinischen Maßnahmen zur Unterbindung einer Atemdepression einzuleiten“, wie es im Strafantrag heißt.

Diese Info, dass eine - von der Krankenschwester im Übrigen nicht namentlich genannte - Patientin „verschleimt“ sei, sei „untergegangen“, sagte Ernst Schillhammer, der Verteidiger des Turnusarztes. Dieser habe damals 60 Patienten zu betreuen gehabt. Die Anklagebehörde agiere nach dem Motto „Irgendwer muss Schuld sein, weil es schwerfällt zu verstehen, dass es Dinge gibt, wo niemand etwas dafür kann.“ Schillhammer forderte einen Freispruch für seinen Mandanten.

Für den angeklagten Turnusarzt bestand keine Notwendigkeit, die 23-jährige Patientin nach der reichlichen Gabe von Schmerzmitteln besonders zu überwachen. „Der Patient war nie seltsam. Ist nie verfallen. Hat keine Anzeichen gezeigt, dass sich eine Atemdepression schleichend entwickelt“, gab der 39-Jährige zu Protokoll.

„Werden beweisen, dass Haftung nicht vorliegt“

In dieselbe Kerbe schlug Anwalt Herbert Eichenseder, der das Krankenhaus Göttlicher Heiland vertritt, für das Geschäftsführer Johannes Steinhart auf der Anklagebank Platz nahm. „Wir werden beweisen, dass eine Haftung nicht vorliegt“, kündigte Eichenseder an. Die Behauptung, technische, personelle und organisatorische Mängel wären vorgelegen, sei unhaltbar: „Dort ist 24 Stunden am Tag eine fachbezogene Anwesenheit eines Facharztes garantiert.“

Die Staatsanwältin hat in ihrem Strafantrag die Verhängung einer Verbandsgeldbuße über die Krankenhaus Göttlicher Heiland GmBH beantragt, weil diese ihrer Pflicht zur Gewährleistung einer fachgerechten schmerztherapeutischen Behandlung von Patienten nicht nachgekommen sei. Den beiden angeklagten Ärzten drohen im Fall von Schuldsprüchen bis zu drei Jahre Haft. Die Verhandlung ist auf zwei Tage anberaumt. (APA)

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