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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 18.07.2013

TT-Sonntagsinterview

„Auf dem Weg zu weniger Privatheit gibt es kein Zurück“

Medienmacher Rudi Klausnitzer hat über Big Data geschrieben. Ein Gespräch über Zufall und die Neigung, an eine übergeordnete Macht zu glauben.

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Hat Sie der Skandal rund um die Spionage durch die National Security Agency (NSA), die den weltweiten Datenverkehr überwacht und im Prinzip auf jedermanns E-Mails, SMS oder Telefongespräche zugreifen kann, überrascht?

Rudi Klausnitzer: Mich hat eher überrascht, dass das nicht früher bekannt wurde. Viele Staaten, allen voran die USA, rüsten im Moment, was Internetüberwachung, aber auch Daten als Waffen angeht, drastisch auf. Da ist ein Wettlauf im Gang wie einst um Atomwaffen. Vor diesem bedrohlichen Hintergrund wird derzeit gegenseitige Schuldzuweisung zwischen den Machtblöcken betrieben.

Wie kann man sich schützen ?

Klausnitzer: Nur wenn die Öffentlichkeit stärker sensibilisiert wird und wir einen gesellschaftlichen Konsens erzielen, dass Datenschutz ein Menschenrecht ist, werden wir die Politik dazu bringen, den in Europa strikteren Umgang mit Datenschutz auch gegenüber den USA und anderen Großmächten durchzusetzen. Dies wird aber nur in einer gemeinsamen europäischen Initiative erfolgreich sein können.

Müssen wir uns damit abfinden, zum gläsernen Menschen zu werden?

Klausnitzer: Ich glaube, dass es auf dem Weg zu größerer Transparenz und weniger „Privatheit“ kein Zurück gibt. Aber zum gläsernen Menschen gehört dann auch der gläserne Staat und gläserne Unternehmen. Und die werden sich mit dieser Entwicklung noch schwerer tun als wir Bürger. Datenjournalismus wird dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen, wenn es darum geht, mehr Transparenz zu schaffen.

Ist der transparente Staat und sind transparente Betriebe wünschenswert?

Klausnitzer: Wenn wir Bürger zwangsläufig immer transparenter werden, dann sollte das auch für Staat und Unternehmen gelten. Nur so kommen wir zu einer wirklich transparenten Gesellschaft. Ich halte diese Entwicklung in Demokratien, die sich zu Open Data bekennen, für unaufhaltsam.

In Ihrem Buch „Das Ende des Zufalls“ führen Sie an, dass Firmen mittlerweile sagen können, ob eine Frau schwanger ist. Verzichten Sie auf Kundenkarten und wie handhaben Sie Ihren Facebook-Auftritt ?

Klausnitzer: Ich verwende Kreditkarten, habe Miles & More und eine Reihe anderer Kundenkarten. Wir werden aber schon bald viele direktere Bonus- und Motivationsprogramme sehen. Eine Kundenkarte ist schon fast vorsintflutlich. Ich habe keinen aktiven Facebook-Account und auch keinen bei Twitter, mir reichen SMS und E-Mail. Das ist aber für jeden anders und wer entsprechend bewusst mit seinen Daten umgeht, braucht sich vor sozialen Netzwerken nicht zu fürchten. Alles, was man nicht auch draußen an der Hauswand aushängen könnte, gehört auch auf keine digitale Pinnwand.

Die große Datenmenge bietet eine Vielzahl von Vorteilen. Welche erscheinen Ihnen am bedeutendsten?

Klausnitzer: Es werden sich in allen Bereichen große Chancen ergeben, im Gesundheitsbereich werden wir bahnbrechende Innovationen bekommen, im Finanzbereich und auch bei der Steuer werden wir durch Mustererkennung Betrug weitgehend ausschalten können. Paypal ist in der Betrugsmustererkennung schon sehr weit. Aber auch im Bereich Ausbildung und Mitarbeitermotivation werden wir Innovationen sehen.

Mit den Vorteilen gehen auch die Nachteile einher. Ist der Datenschutz in Österreich ausreichend gesichert?

Klausnitzer: In der Theorie haben wir schon relativ strenge Richtlinien und die geplante EU-Datenschutzrichtlinie wird noch eins drauflegen. Man muss aufpassen, dass man das Kind nicht mit dem Bad ausschüttet. Viel wichtiger erscheint mir, dass bestehende Regeln eingehalten werden und Datenschutzverletzungen nicht als Kavaliersdelikt betrachtet werden.

Sie weisen auf die Bedeutung von Statistiken hin. Es gibt den Spruch: Es gibt Lügen, verdammte Lügen und Statistiken. Was halten Sie dem entgegen?

Klausnitzer: Natürlich kann ich durch Sichtweise von einem bestimmten Blickwinkel aus auch die Aussagen von Statistiken sehr breit interpretieren und zur Manipulation verwenden. Tatsache ist aber, dass mit Hilfe von Statistik in vielen Fällen bessere Entscheidungsunterlagen erarbeitet werden können, als mit reinem Bauchgefühl. Auch wenn wir das nicht so gerne wahrhaben wollen.

Glauben Sie privat, etwa was die Begegnung mit Ihrer Frau angeht, an Bestimmung?

Klausnitzer: Der Mensch möchte in allem eine Bestimmung sehen. Das mindert die Eigenverantwortung, man kann einfach Kismet sagen. Ich glaube nicht dran. Ich glaube eher, dass wir in der Lage sind, aus den vielen Möglichkeiten, die sich bieten, oft intuitiv das für uns Richtige zu erkennen – und im Idealfall auch daraus etwas Positives zu machen. So wie meine Frau und ich aus unserem Zusammentreffen eine über 30-jährige glückliche Ehe gemacht haben. Das war nicht Kismet, sondern unser gemeinsamer Wille, etwas daraus zu machen.

Ist Vorhersehbarkeit für Sie überwiegend positiv behaftet?

Klausnitzer: Ja, aus meiner Sicht schon. Denn wenn ich ein klareres Bild über zukünftige Entwicklungen habe, dann kann ich sie auch beeinflussen oder mich darauf einstellen. Aber ich kenne Menschen, die sehen das anders. Die sagen auch, sie gehen nicht zum Arzt, weil sie nicht wissen wollen, wie es ihnen gesundheitlich geht.

Sie waren auch Theaterintendant. Ist das Reizvolle am Theater nicht gerade das, dass die Aufführung letztlich nicht berechenbar ist?

Klausnitzer: Sie ist jedes Mal anders, weil die unterschiedlichen Parameter wie Schauspielerleistung, Publikum, Temperatur im Theater etc. unterschiedlich sind. Hätten wir alle diese Daten vorab, wäre auch das berechenbar. Das heißt aber nicht, dass ich mir diese Berechenbarkeit wünschen würde.

Gerade mit den modernen Technologien wird die Wissenskluft immer größer. Was kann die Gesellschaft, die Politik da tun?

Klausnitzer: Das ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Wie sorgen wir dafür, dass Chancengleichheit herrscht und die Entwicklung nicht einfach die Starken stärker und die Schwachen schwächer macht. Die große Gefahr, die ich sehe, ist, dass wir in der etwas ferneren Zukunft in zwei unterschiedliche Gesellschaftsteile zerfallen. Einen, der sich die digitalen Maschinen nutzbar macht, um intelligenter als die Maschinen zu bleiben, und der andere Teil, der von den Maschinen beherrscht wird.

Gott würfelt nicht, sagt Einstein. Glauben Sie an eine übergeordnete Macht?

Klausnitzer: Schwierige Frage, kaum in ein paar Sätzen zu beantworten. Mir geht’s da wie vielen. Immer, wenn ich mir etwas nicht erklären kann oder mich hilflos fühle, bin ich geneigt, auch an eine übergeordnete Macht in meinem Leben zu glauben.

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