11.05.2012, 10:03 
International

Kriegsverbrecher-Prozess gegen Mladic beginnt am Mittwoch

Der 70-jährige ehemalige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, hat sich wegen einiger der schwersten Kriegsverbrechen des dreijährigen Krieges zu verantworten.
Mladic wird unter anderem in elf Punkten Völkermord in der ostbosnischen Enklave Srebrenica vorgeworfen.
Foto: AP

Den Haag/Belgrad/Sarajevo – 20 Jahre nach Beginn des Krieges in Bosnien-Herzegowina (1992-95) beginnt am UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien (ICTY) in Den Haag am Mittwoch der Prozess gegen den jahrelang meistgesuchten Angeklagten. Der 70-jährige ehemalige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, hat sich wegen einiger der schwersten Kriegsverbrechen des dreijährigen Krieges zu verantworten. Er wurde vor knapp einem Jahr nach 16-jähriger Flucht in Lazarevo, einem Dorf in der nordserbischen Provinz Vojvodina, festgenommen. Zuletzt versteckte er sich im Haus eines nahen Verwandten.

Die Ankläger des Haager Tribunals werfen Mladic in elf Punkten Völkermord in der ostbosnischen Muslim-Enklave Srebrenica und in sechs weiteren Gemeinden vor, Vertreibungen und Ausrottung, Deportationen, unmenschliche Behandlung, den 44-monatigen Beschuss von Sarajevo und die Geiselnahme von UNO-Soldaten. Die Staatsanwaltschaft hatte die Anklage Mitte November gestrafft, um das Verfahren zu beschleunigen. Von den insgesamt 196 einzelnen Straftaten, die Mladic zur Last gelegt werden, sollen nur 106 verhandelt werden.

Die Anklage enthält Angaben über mehr als 70 Massaker in 20 Gemeinden, ferner die Folterung und Misshandlung von Zivilisten in 58 Gefängnissen und Gefangenenlagern in 22 Ortschaften. Die Straftaten wurden demnach im Rahmen eines gemeinsamen verbrecherischen Vorhabens begangen, welches darauf abzielte, die bosnischen Muslime (Bosniaken) und Kroaten sowie andere Nicht-Serben dauerhaft aus dem Großteil des Landes zu vertreiben.

Als weitere Verschwörer werden der damalige Präsident der bosnisch-serbischen Republik, Radovan Karadzic, seine Nachfolgerin Biljana Plavsic, Parlamentspräsident Momcilo Krajisnik, die Generäle Stanislav Galic, Radislav Krstic und weitere genannt. Sie alle wurden vom UNO-Tribunal angeklagt und bis auf Karadzic auch schon verurteilt. Der einstige politische Führer der bosnischen Serben steht derzeit wegen derselben Kriegsverbrechen wie Mladic vor dem ICTY.

Die ersten Anklagen gegen Karadzic und Mladic wurden bereits im Juli und November 1995 erhoben. Nach der Festnahme von Karadzic im Juli 2008 beschloss das UNO-Tribunal, die Prozesse gegen die zwei hauptverantwortlichen bosnischen Serben getrennt zu führen.

Die Ankläger wollen laut Plan ihre Beweise mit Hilfe von 413 Zeugen darlegen. 158 Zeugen, für deren Anhörung 200 Stunden vorgesehen sind, werden persönlich vor dem Tribunal auftreten. Die Aussagen der restlichen erfolgt in schriftlicher Form.

An den ersten zwei Prozesstagen sind die einleitenden Worte der Anklage geplant. Der erste Zeuge, Elvedin Pasic, soll am 29. Mai gehört werden. Er war 14 Jahre alt, als der Krieg begann. Pasic soll über die Kriegsereignisse in Kotor-Varos bei Banja Luka berichten. Er war schon Zeuge im Prozess gegen Krajisnik. Danach folgt ein geschützter Zeuge, der zu Kriegsbeginn eine Erschießung in der Ortschaft Biljani bei Kljuc überlebt hat.

Kotor-Varos, Kljuc, Prijedor, Sanski Most, Vlasenica, Foca sind Gemeinden, in denen laut der Anklage von bosnisch-serbischen Truppen unter dem Kommando von Mladic Völkermord begangen wurde. Zu den ersten Zeugen gehört auch der britische Journalist Ed Vulliamy, der 1992 über die bosnisch-serbischen Gefangenenlagern in Trnopolje und Omarska berichtete. Die Ankläger wollen zu Prozessbeginn auch Zeugen zur Organisationsstruktur der bosnisch-serbischen Truppen und zu den Befugnissen von Mladic befragen. Bis Ende Juli sollen insgesamt 23 Zeugen aussagen.

Mladic selbst wollte sich bei seinem ersten Auftritt vor dem Tribunal im Vorjahr nicht zur Anklage äußern, später bezeichnete er sie als „monströs“. Bei einer anderen Vorverhandlung meinte der Angeklagte, dass das UNO-Tribunal „voreingenommen“ und ein „NATO-Gericht“ sei. Im Prozess wird der ehemalige jugoslawische Offizier im Unterschied zu Karadzic nicht als sein eigener Anwalt auftreten, sondern von einer Gruppe serbischer Anwälte verteidigt.

Nach der Festnahme Mladics gab es diverse Informationen über seinen Gesundheitszustand. Chefankläger Serge Brammertz erklärte bei einem kürzlichen Besuch in Sarajevo, dass Mladic sehr gut wisse, wofür er vor dem Gericht stehe. Auch sei er körperlich und geistig fit, das Gerichtsverfahren zu verfolgen.

Mag seine Gesundheit angeschlagen sein, Mladic dürfte einige Charakterzüge nicht verloren haben. Schon bisher gerierte er sich im Gerichtssaal als Befehlshaber. Im Tribunalsgefängnis, wo ehemalige Kriegsfeinde gut mit einander auskommen, gelang es Mladic laut Medienberichten, sich binnen weniger Wochen mit allen zu verkrachen. (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Fr, 11.05.2012  10:03
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