Uralter Brauch steht vor dem Ende
Von Helmut Mittermayr
Heiterwang – „Seit‘s Leit gibt in Hoaterwang, gibt‘s die Fasnacht.“ Bezirksjägermeister Arnold Klotz lässt im Vorbeigehen einen Spruch fallen, den die meisten im Dorf unterschreiben würden – auch wenn es niemand so genau weiß. Was aber alle wissen, ist, dass es heuer erstmals seit Menschengedenken keine Fasnacht geben wird. Richard Baldauf, der Sprecher des Komitees, bestätigt das bisher Undenkbare: „Ja, die Fasnacht wurde heuer nicht mehr ausgegraben. Wir haben uns im Dezember getroffen und nach intensiver Diskussion aufgelöst. Das Interesse der Aktiven wie auch der Zuschauer ist leider zu gering.“
Das Gasthaussterben habe dem Brauch sicherlich den Todesstoß versetzt, glaubt er. Früher seien Maskierte durch vier, fünf Wirtshäuser in Heiterwang gezogen, jetzt gibt es nur noch ein einziges, den Forellenhof. Alle anderen sind verschwunden. Laut Baldauf habe zwar auch das Karlift-Stüberl Interesse bekundet. Die Talstation liege aber zu weit außerhalb des Ortes. Ein Herumziehen der Maskierten wie früher im Dorf sei damit nicht mehr möglich. Der wochenlange Brauch lebt von den Auftritten in Gasthäusern, in denen Tänzer mit edlen Holzmasken die anwesenden Gäste zum Tanz auffordern und möglichst unerkannt bleiben wollen, bis sie die Larven freiwillig lüften.
Der 30-Jährige und seine Mitstreiter wollten anderen nicht im Weg stehen. „Aber niemand wollte heuer die Fasnacht ausgraben.“ 2008 war das Fasnachtskomitee gegründet worden, um dem langsam dahinwelkenden, uralten Heiterwanger Brauch neues Leben einzuhauchen. Nur noch zwei Auftritte pro Woche und eine Verkürzung der Umzüge mit den wertvollen Holzlarven auf die vier Wochen vor dem Unsinnigen Donnerstag sollten das Interesse erneut anfeuern. „Anfangs waren wir ja wieder 40 Aktive. Zu unserem Vorbereitungstreffen für heuer kamen im Dezember nur noch sechs“, resümiert Baldauf resignierend. Schon im vergangenen Jahr sei es vorgekommen, dass Zuschauer am Dienstag oder Freitag, den beiden Maskentanztagen, warteten, aber alle Holzlarven zu Hause geblieben seien. Andererseits hätten die anonymen Tänzer auch schon ohne Zuschauer, die sie eigentlich auffordern sollten, auskommen müssen. Jedenfalls sei heuer nichts mehr zu erwarten, „vielleicht ja nächstes Jahr wieder“, zeigt Baldauf einen letzten Funken Hoffnung.
Ihm ist wichtig, dass der Heiterwanger Faschingsverein und das Fasnachtskomitee nicht verwechselt werden: „Wir Fasnachtler haben immer ein gutes Verhältnis zum Faschingsverein gehabt. Wir haben uns aufgelöst, der agile Faschingsverein, der mit Auftritten etwa am Unsinnigen in Reutte zu begeistern weiß, natürlich nicht.“
Bürgermeisterin Beate Reichl bedauert den Niedergang der alten Tradition und hat auch eine Erklärung parat. „Viele können es sich wahrscheinlich nicht mehr leisten, jede Woche zweimal, früher sogar dreimal bis spät in die Nacht durch die Gasthäuser zu ziehen und am nächsten Tag so ‚halbzart‘ zur Arbeit zu erscheinen. Die Zeiten haben sich einfach gewandelt“, sagt die Dorfchefin. Für sie wäre die Fasnacht an einem Tag in der Woche genug: „Am besten Freitag, dann könnten alle am Samstag ausschlafen.“ Für die Dorfchefin ein weiterer Wandel: „Früher war die Fasnacht das Highlight des Jahres zum Fortgehen, auf das alle gewartet haben. Heute ist das doch jeden Tag möglich.“ Außerdem gebe es immer mehr Männer, die nicht mehr tanzen gehen wollen – für eine funktionierende Fasnacht allerdings ein unbedingtes Muss. Reichl verweist auf die boomenden Frauenkränzchen, die sich auf diese Art und Weise inzwischen zu helfen wüssten.
Ein alter Haudegen der Fasnacht ist Karl Gratl. Er hat vor Jahren in der Hoffnung eines Weiterbestandes des Brauchtums den Generationswechsel gefördert. „Natürlich blutet mir das Herz, dass die Jungen das Handtuch geworfen haben. Aber das ist die Zeit. Es interessiert niemanden mehr. Das ist jetzt halt so“, schließt er fatalistisch.
Die Heiterwanger Fasnacht reicht Jahrhunderte zurück und hatte nicht nur Freunde. Immer wieder sahen Anstandswärter die Sitte bedroht. Rund um das Treiben gab es behördliche Verbote, Protestmärsche für die Wiedereinführung, das Aussperren der Frauen (eine deshalb streikende Musikkapelle), 30-stündige Gebete als Buße und jede Menge Verdammungen wie auch Sündenerlässe von der Kirchenkanzel herunter. Pfarrer Josef Reinstadler war Ende der 1820er-Jahre ein vehementer Gegner dieser „die Grenzen allen Anstandes sowie der Zucht und Ehrbarkeit überschreitenden Fasnachtslustbarkeiten, an denen sich oft die ganze Nacht beiderlei Geschlechter beteiligten“, ist in der Pfarrchronik nachzulesen. Der Lustgewinn bei den Fasnachtlern scheint sich knapp 200 Jahre später jedenfalls in Grenzen zu halten. Kein Grund mehr, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen ...






