„Für einen sensiblen Menschen ist es schwer“
Zur Person
Geb. 27. 4. 1948 in Amstetten; als Profifußballer u. a. Wiener Austria, Kickers Offenbach, Fortuna Düsseldorf, SSW Innsbruck und Rapid Wien, 3 Meister-, 3 Cupsiegertitel. 39-facher Nationalteamspieler (WM-Siebenter 1978). Trainerstationen: 1987 jüngster Nationalteamchef in der ÖFB-Geschichte, Qualifikation für die WM 1990; Rücktritt nach einer Niederlage gegen die Färöer-Inseln 1990; bis 2002 u. a. mehrere Stationen im arabischen Raum; 2002–2005 SK Rapid Wien, 2006 bis nach der Heim-EM 2008 ÖFB-Teamchef. Danach bis Mai 2012 Al Wahda in Abu Dhabi mit einem kurzen Intermezzo in Bahrain.
Sehen Sie viele EURO-Spiele?
Josef Hickersberger: Bis jetzt (Anmerkung: Das Interview fand zum Abschluss der Gruppenphase statt) habe ich jedes gesehen.
Gab es Überraschungen für Sie?
Hickersberger: Die größte bisher war, dass Holland so enttäuschend gespielt hat. Ansonsten waren die Spiele durchwegs spannend und auf einem erfreulichen Niveau.
Ein hohes Niveau wird dieser EM allgemein bescheinigt. Gibt es Zeiten, in denen der Fußball überhaupt besser, und solche, in denen er tendenziell schlechter ist?
Hickersberger: Das ist eine ganz schwierige Frage. Ich denke, das hängt von der gerade vorherrschenden Philosophie der Nationaltrainer ab. Der Trend im Weltfußball ist seit einigen Jahren stark von den Erfolgen Spaniens und des FC Barcelona beeinflusst: Man will das Spiel selbst gestalten und sich weniger am Gegner orientieren, man will Dominanz ausüben. Für den Fußballanhänger ist das insgesamt eine sehr positive Entwicklung. Es geht nicht mehr nur um das Resultat, sondern auch um die Art und Weise, wie man zu einem Resultat kommen will.
Es ist zurzeit jedenfalls extrem unterhaltsam, internationale Fußballspiele anzuschauen.
Hickersberger: Das ist es und das ist das Wichtigste.
Ich nehme allerdings an, nicht unbedingt aus Sicht eines Trainers.
Hickersberger: Als Trainer sehe ich das Ganze deutlich ergebnisorientierter. Eine attraktive Spielweise allein genügt nicht, damit ich meinen Job behalte. Das ist das Dilemma, in dem viele Trainer stecken, vor allem solche mit einem schwächeren Spielerpotenzial. Ohne Iniesta und Xavi kann ich eben nicht so spielen wollen wie der FC Barcelona.
Ertappen Sie sich momentan wieder bei Gedanken an die EURO vor vier Jahren, bei der Sie auf der österreichischen Trainerbank saßen?
Hickersberger: Nachkarten gibt’s bei mir nicht. Ich habe damals alle meine Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen, wir haben uns minutiös vorbereitet – aber okay, es hat eben nicht gereicht, weil uns in verschiedenen Situationen nicht nur das Spielglück gefehlt hat, sondern auch einige Spieler nicht reif und andere nicht gut genug waren.
Wäre das heute anders? Könnte Österreich in einem Turnier bessere Figur machen?
Hickersberger: Wir haben unter Marcel Koller und hatten schon unter Didi Constantini ein höheres Spielerpotenzial als seit einigen Jahren, ich sehe die Gesamtentwicklung positiv. Aber trotzdem, und das kann man nicht laut genug sagen, ist die Qualifikation für eine Welt- oder eine Europameisterschaft etwas ganz Besonderes. Das haben nicht viele Nationalteamtrainer in Österreich geschafft.
Wie steht eigentlich ein Trainer psychisch und physisch diesen permanenten Ausnahmezustand in den Wochen davor und während eines Turniers durch?
Hickersberger: Ehrlich gesagt war die Europameisterschaft vor vier Jahren – noch dazu im eigenen Land! – die härteste Zeit meines Lebens. Man übernimmt mit dem Job des Teamchefs Verantwortung nicht nur für den Fußball, sondern für ganz Österreich. Der Druck ist enorm, die Situation kostet sehr viel Kraft. Wenn dann das ganze Projekt noch dazu nicht zum erhofften Ergebnis führt, nimmt einen das schon sehr mit.
Ist Erfolg einfacher zu verkraften als Misserfolg?
Hickersberger: Ja, wenn man ihn richtig einzuordnen vermag. Man braucht Abstand und muss auch Niederlagen durchgemacht haben, dann ist Erfolg sogar sehr einfach zu verkraften ... (lacht) Eigentlich ist es kein Vergleich.
Kann man sich an das Grunddilemma jedes Trainers gewöhnen? Fakt ist: Wenn z. B. der Stürmer vor dem leeren Tor verschießt oder der Schiedsrichter ein Abseitstor anerkennt, kann der Trainer nichts tun.
Hickersberger: Es muss dir klar sein: Du musst 100 Prozent für den Erfolg arbeiten und wirst zu mehr als 100 Prozent verantwortlich gemacht – du hast aber nur sehr begrenzt Einfluss darauf, was wirklich passiert. Die Unwägbarkeit des Fußballs bleibt, egal wie perfekt du gearbeitet hast. Für einen sensiblen Menschen ist es schwierig, damit umzugehen. Aber wer sich daran nicht gewöhnen kann, muss den Beruf wechseln oder darf am besten von vornherein nicht Trainer werden.
Gerade die Unwägbarkeiten im Fußball machen natürlich für den Fan auch einen Teil der Faszination aus.
Hickersberger: Sicher. Aber für einen Trainer ist das nicht faszinierend, sondern häufig nur frustrierend. Du bist den Geschehnissen völlig hilf- und machtlos ausgeliefert. Nicht umsonst entwickeln Trainer bisweilen das Gefühl, dass serienweise Entscheidungen gegen ihre Mannschaft oder gegen sie persönlich gerichtet sind.
Wer eine Veranlagung zur Paranoia mitbringt, sollte besser die Finger vom Trainerjob lassen?
Hickersberger: Der wird’s eh nicht. Die Fußballtrainer, die ich kenne, sind mit wenigen Ausnahmen jedenfalls nicht paranoid. Da muss ich meinen Berufsstand verteidigen.
Eine absolut unvermeidliche Fußballfrage dieser Tage: Wie gefallen Ihnen die Deutschen?
Hickersberger: Wenn man den Fußball der Deutschen jahrzehntelang verfolgt und plötzlich sieht, dass ihr Spiel nicht mehr das ist, was man „typisch deutsch“ nannte, sondern südländische Züge angenommen hat, muss man sagen: Man kann ihnen wieder zuschauen und es macht sogar Spaß. Sie spielen momentan einen Fußball, wie sie ihn seit 1972 nicht mehr gespielt haben.
Demnach ist Deutschland Ihr EURO-Favorit?
Hickersberger: Auch. Zusammen mit Spanien. Die beiden Mannschaften sind, denke ich, qualitativ allen anderen voraus.
Sie selbst haben vor einigen Wochen Ihren Abschied von Al Wahda genommen. Was erfordert die größte Umstellung, wenn Sie nach längerer Zeit aus dem arabischen Raum wieder nach Österreich kommen?
Hickersberger: Hier muss ich mich darum kümmern, wie das Wetter ist, und komme sogar in die Verlegenheit, einen Pullover oder einen Regenschirm zu brauchen. Das passiert in den arabischen Ländern manchmal ein ganzes Jahr lang nicht. Und ich sehe zurzeit so viel Grün wie seit Monaten nicht mehr. Traumhaft! Österreich ist ein so schönes Land – aber in der Regel merkt man das erst, wenn man längere Zeit weg ist.
Stellen Sie an sich selbst fest, dass Sie in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Gewohnheiten angenommen haben, die einem hierzulande unorthodox erscheinen?
Hickersberger: Ich muss mir vor allem wieder abgewöhnen, alles Mögliche mit „Inschallah“ zu bekräftigen, wie ich es jetzt jahrelang getan habe.
Was kommt Arabern am befremdlichsten an Europäern vor? Sind Sie in Situationen geraten, in denen Sie das Gefühl hatten, sich völlig verkehrt zu verhalten?
Hickersberger: Mit der Zeit lernt man, sich anzupassen und Fehler zu vermeiden. Aber ich erinnere mich z. B. daran, was los war, als ich nach dem ersten Training 1996 in Bahrain nackt geduscht habe.
Das war mit dem herrschenden Anstandsgefühl nicht kompatibel?
Hickersberger: Es wäre eigentlich ein Grund für eine fristlose Entlassung gewesen! Aber im Ernst: Ich würde mich mittlerweile als Kenner der arabischen Seele bezeichnen.
Der in all den Jahren auch selbst arabische Wesenszüge angenommen hat?
Hickersberger: Auf jeden Fall.
Wie äußert sich das?
Hickersberger: Dass die arabische Mentalität Raum in meiner Seele gewonnen hat, ist manchmal hilfreich. Manchmal hindert es mich aber vielleicht auch daran, Entscheidungen so zu treffen, wie es Europäer tun.
Vom Arabischen Frühling ist in den VAE nichts zu spüren?
Hickersberger: Was sich in den Nachbarländern tut, wurde und wird in den Emiraten sehr aufmerksam verfolgt, ausführlich berichtet und diskutiert. Aber der Lebensstandard ist dort so hoch, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung keinerlei Anlass oder Grund dafür sieht, gegen irgendetwas zu revoltieren.
Wohlstand schützt vor Revolution.
Hickersberger: Mit Sicherheit.
Im Zusammenhang mit der EURO in der Ukraine wurde zuletzt heftig diskutiert, ob man sportliche Großereignisse an Länder vergeben soll, deren Vorstellungen von Demokratie sich klar von unseren unterscheiden. Wie stehen Sie dazu?
Hickersberger: Konkret auf die Ukraine bezogen, wusste man zum Zeitpunkt der Vergabe noch nicht, wie sich die Dinge zuspitzen würden. Allgemein gesagt: Natürlich kann man Sport und Politik nicht immer trennen, aber ich halte es für falsch, Fußball zum Vehikel für politische Themen zu machen.
Haben Sie schon darüber nachgedacht, was die nächste Zukunft Ihnen bringen wird?
Hickersberger: Darüber muss ich nicht viel nachdenken: Ich bin 64 Jahre alt und möchte gern meinen Beruf, der meine Berufung und meine Passion ist, weiter ausüben. Ich weiß aber, dass die Angebote nicht mehr so zahlreich kommen, also warte ich ganz einfach ab. Ergibt sich etwas, das ich als Herausforderung empfinde und das mir das Gefühl gibt, dass das Schmerzensgeld im Falle eines Misserfolgs angemessen wäre, werde ich zugreifen. Tritt das nicht ein, werde ich tun, was die meisten Österreicher schon mit 59 Jahren oder noch früher tun: die Pension genießen.
Gilt auch für Sie, was der irische Nationalteamtrainer Giovanni Trappatoni neulich in seiner unnachahmlichen Sprachkunst sagte: „My head is fresh!“ Spüren Sie noch dieselbe Leidenschaft wie vor fünf oder zehn Jahren, dasselbe Bedürfnis, Tag und Nacht Fußball zu denken, zu atmen, zu leben?
Hickersberger: Ja! Daran hat sich nichts geändert – wenn schon, ist es sogar mehr geworden. Ich habe bisher acht Titel gewonnen und hätte in meiner Bilanz gern eine zweistellige Zahl stehen. Ich konnte bisher nur vier Meistertitel in vier verschiedenen Ländern erreichen, ein fünfter in einem fünften Land wäre schon etwas Besonderes.
Und wie geht es Ihrem Golfhandicap?
Hickersberger: Da ich keine Turniere mehr spiele, ist mein Handicap seit Jahren unverändert. Aber mir macht Golf unglaublich viel Spaß, wenn ich gut spiele – und ich ärgere mich immer noch, wenn ich schlechte Schläge produziere. Das ist nicht nur eine Leidenschaft, sondern eine Grundhaltung. Im Golf kann man genauso viel fürs Leben lernen wie im Fußball. Vielleicht sogar noch mehr.






