01.04.2012
Daniel Radcliffe

Jungstar mit dem Hang zum Drama

Er hat nicht viel zu lachen. Zumindest wenn es um seine Filmrollen geht, ist Daniel Radcliffe ein eher ernster Geselle.

München – Hoch gestiegen – tief gefallen. Ein tragischer Werdegang, den viele Kinderstars durchleben. Doch Daniel Rad­cliffe gehört bis dato nicht dazu: Sorgt er mit seinem neuen Streifen „Die Frau in Schwarz“ doch abermals für durchwegs positive Schlagzeilen.

Ob als junger David Copperfield in der gleichnamigen Verfilmung, als der Stallbursche Alan Strang in dem Theaterstück „Equus“ oder als John „Jack“ Kipling im TV-Drama „My boy Jack“– er hielt sich mit all den Rollen in bleibender Erinnerung. Für viele aber das Glanzstück seiner Karriere ist – wie könnte es auch anders sein – seine Verkörperung von Harry Potter. Eine Rolle, mit der er jedoch hadert. Grund: das ihm immer noch anhaftende Zaubererimage. „Ich denke, ich muss mich damit abfinden, dass ich für einige Leute immer Harry Potter sein werde, einige Leute werden mich nie in einer anderen Weise sehen wollen.“ Kein Wunder also, dass er bei der Auswahl seiner Rollenangebote sehr heikel ist. Im Interview in München verriet er, warum es nun ausgerechnet „Die Frau in Schwarz“ sein musste.

Nach Ihrem großen Erfolg mit „Harry Potter“ haben Sie wahrscheinlich aus Hunderten Projekten wählen können. Warum ist es „Die Frau in Schwarz“ geworden?

Radcliffe: Ich hatte einige Drehbücher zur Auswahl. Aber sobald „Die Frau in Schwarz“ auf dem Tisch lag, hat das Buch alle anderen einfach ausgestochen. (...) Außerdem hat mich die Möglichkeit interessiert, einen Genre-Film zu machen, der aber gleichzeitig so viel mehr ist als nur ein Genre-Film. Es geht um Schockeffekte und Angst, aber in diesem Film steckt noch viel mehr. Er ist ein Kommentar auf den Tod, auf die Zeit der Trauer und auf die Frage, wie die Reaktion auf den Tod das eigene Leben beeinflussen kann. Und was passiert, wenn es nach einem solchen Schicksalsschlag nicht gelingt, weiterzumachen.

Erst die Fantasiewelt von „Harry Potter“, jetzt die gruselige „Frau in Schwarz“ – was halten Sie von übersinnlichen Dingen?

Radcliffe: Ich glaube nicht daran – nicht an Geister oder so etwas. Ich würde es lieben, wenn wir in einer Welt mit Geistern und Dämonen leben könnten. Das wäre extrem aufregend.

Und was ist mit dem Leben nach dem Tod?

Radcliffe: Wieder das Gleiche: Daran glaube ich auch nicht.

„Die Frau in Schwarz“ gehört zu den berühmten „Hammer“-Horrorgeschichten. Wie gut kannten Sie die, bevor Sie mit diesem Projekt zu tun hatten?

Radcliffe: Dracula ist natürlich so etwas wie ein Standardwerk, wenn man in England aufwächst. Wir haben es auch in der Schule gesehen – an einem dieser Tage kurz vor den Ferien, wenn niemand mehr Lust hat, etwas zu tun – auch die Lehrer nicht – und man nur noch Videos mitbringt. Ich erinnere mich noch genau: Alle in meiner Klasse fanden Christopher Lee als „Dracula“ total cool. Nur ich habe Peter Cushing als „Van Helsing“ geliebt. Ich wollte sein wie er. Keine Frage: Mein Charakter in diesem Film, das ist die Peter Cushing-Rolle. Er war immer das stille Zentrum des Films, um das herum das Chaos ausbricht. Mein Freund Stephen Fry hat mal gesagt, Peter Cushing sei der einzige Mann, den er jemals gesehen hat, der einer Frau zur Begrüßung die Hand küssen kann, ohne dass es auch nur ansatzweise unheimlich wirkt. Er war ein Gentleman und ein sehr besonderer Mann.

Auf gewisse Art und Weise haben Ihre Rollen Arthur und Harry etwas gemeinsam: zwei nette junge Männer, die eine schwere Zeit hinter sich haben und jetzt gegen das Böse kämpfen . . .

Radcliffe: Wenn man es darauf reduziert, stimmt das natürlich. Klar. Da gibt es aber sicher viele andere Charaktere, auf die das auch zutrifft. Arthur und Harry sind beide tragische Helden. Aber Harry wollte immer kämpfen. Arthur dagegen interessiert es nicht sonderlich, ob er lebt oder stirbt. Er hat nicht diesen Überlebenswillen wie Harry. In beiden Filmen gibt es auch Geister – und trotzdem sind die Filme völlig unterschiedlich. Dieser Film ist einfach so viel dunkler als „Harry Potter“.

Glauben Sie, Ihre „Harry Potter“-Fans können sich auch mit „Die Frau in Schwarz“ anfreunden?

Radcliffe: Ich glaube nicht, dass sie ein Problem damit haben. Ich glaube sogar, dass es genau die Art Film ist, die „Harry Potter“-Fans lieben. Und ehrlich gesagt, habe ich meine Fans schon mit „Equus“ wirklich hart auf die Probe gestellt. Da hat sich sozusagen die Spreu vom Weizen getrennt. Jeder, der mich danach noch mochte, wird mit diesem Film kein Problem haben.

„Harry Potter“, Ihre Rolle in „Equus“ oder jetzt Arthur im Horrorfilm – welche Rolle würden Sie gerne noch einmal spielen?

Radcliffe: Wenn ich könnte, würde ich gerne die Chance bekommen, noch einmal im sechsten „Harry Potter“-Teil zu spielen. Ich könnte das heute wahrscheinlich besser machen als damals. Ich trauere dem Film jetzt nicht hinterher oder so. Ich weiß nur, dass ich den Job heute besser machen könnte. Die Zeit, in der ich mich als Schauspieler am erfülltesten gefühlt habe, war die Zeit mit „Equus“ am Broadway. Das war einzigartig. (dpa, TT)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 01.04.2012
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