11.04.2012
Kino-Kritik

Ein Bad mit Massageöl in der alternativen Ursuppe

Der österreichische Autor und Regisseur Paul Poet führt in „Empire Me – Der Staat bin ich!“ sechs alternative Staats- und Lebensmodelle vor.

Von Peter Angerer

Innsbruck – Im Vorspann verspricht Paul Poet politische Experimente, denn wie das Römische Imperium im fünften Jahrhundert seien auch große Staatengebilde der Gegenwart durch die Existenz billiger Nuklearwaffen dem Untergang geweiht. Nur noch Kleinstaaten könnten sich verteidigen und schon tummeln sich 5000 dieser seltsamen Gebilde auf dem animierten Globus. Der Regisseur pickt sich gerade einmal sechs Alternativen aus dem neuen Staatenregal. Damit hat „Empire Me – Der Staat bin ich!“ unsere Aufmerksamkeit gekapert und mit einer bescheidenen Jolle steuert das Filmteam das erste Ziel auf hoher See an: Vor der englischen Küste steigt der Prinz von Sealand auf sein Fürstentum, von dem aus vor 40 Jahren ein Piratensender die Jugend mit Rockmusik beliefert hat. Die Piratenfamilie lebt jetzt vom Muschelfang. Gut, denken wir uns, das ist eine Staats- affäre zum Aufwärmen.

In Australien findet Paul Poet die „Hutt River Provinz“. Der Zeremonienraum sieht aus wie der geschmacklose Tempel einer Sekte. Wo an den Wänden Platz ist, hängt billiger Präraffaelitenkitsch, dann winkt der greise Herrscher zum Abschied aus einem klapprigen Rolls Royce und fröhliche Touristen winken ihm nach. Eine Fremdenverkehrsattraktion.

In der norditalienischen Region Piemont besucht Poet die „Föderation von Damanhur“, deren Mitglieder nach esoterischen Aufnahmeritualen in luftige Baumhäuser einziehen dürfen. Zwischen altägyptischen Symbolen und viel Krimskrams führt ein schmaler Weg der Erkenntnis zum Licht, dann ist es nicht mehr weit zur Rettung. Da wäre es interessant zu erfahren, was ein von der Welt verunsicherter Ratsuchender für den Spaß bezahlen muss. Scheinbar ohne großes Aufnahmespektakel funktioniert die Gemeinschaft „Zegg“ in Bad Belzig in der Nähe von Berlin. Die etwa 100 Mitglieder suchen das Bad in der „Ursuppe”. Das könnte ganz lustig sein, aber es wird nicht gelacht. Damit nichts schmutzig wird, reiben sich die Anhänger der freien Liebe auf einer Plastikplane mit irgendwelchen Ölen ein. Ein Mann sagt, er „liebe den Geruch von Frauen, die sich seit drei Tagen nicht gewaschen haben“. Das ist dann doch ganz lustig, sieht aber wie ein schmieriger Swingerklub aus.

Auch in Christiana, dem autonomen Stadtteil von Kopenhagen, stellt Poet keine Frage, obwohl sich die Kamera so gebärdet, als wäre sie im Kriegseinsatz. Von großer poetischer Kraft ist dagegen das letzte, versöhnliche Kapitel über eine amerikanische Künstlergruppe, die mit drei Flößen, die wie schwimmende Objekte von Jean Tinguely aussehen, von Slowenien aus in den Canale Grande von Venedig einfahren.

Das Erstaunliche an „Empire Me – Der Staat bin ich!“ ist jedoch die Energie, mit der Paul Poet Förderungsgremien von diesem Staatsschwindel überzeugen konnte. Eine Begründung dafür findet sich im Internetauftritt Poets: „Die Existenz als Gegenwelt bedeutet heute ein Leben als potenzierte Ich-AG, fordert hochklassiges soziopolitisches Kulturmanagement, weltweite Vernetzung, wirtschaftliche Nachhaltigkeit, dezentrale Bündnisse. Und vor allem: Das ständige Austricksen der etablierten Machtsysteme und Autoritäten, mit denen man sich in permanentem Kriegszustand befindet.” Paul Poet ist der größte Trickser von allen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 11.04.2012
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