Erinnerung gegen das Vergessen
Von Peter Angerer
Innsbruck – Es gibt diese grandiose Szene in Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ (1997), in der ein Vater seinem kleinen Sohn KZ-Alltag und Tod als Groteske vorspielt, um das Kind im Überlebensfall vor grausigen Erinnerungen zu bewahren. Mit dieser Idee verändert der französische Regisseur Gilles Paquet-Brenner in seiner Adaption auch Tatiana De Rosnays Bestseller „Sarahs Schlüssel“. Während im Roman der kleine Michel instinktiv in den Wandschrank flüchtet, als Polizisten in die Wohnung stürmen, ist es im Film seine größere Schwester Sarah, die den Buben unter dem Vorwand eines Spiels in den Schrank sperrt. Sarah ahnt allerdings nicht, dass der Polizeieinsatz über eine bloße Schikane gegen die jüdische Bevölkerung hinausgeht.
An diesem Morgen des 16. Juli 1942 verhafteten französische Polizisten in Paris 13.000 Juden, die in das Stadion Vélodrome d’Hiver gebracht wurden, um von dort – getrennt nach Geschlecht und Alter – nach Auschwitz transportiert zu werden. Nur die (fiktive) Sarah Starzynski kann fliehen. Sie wird von der Bauernfamilie Dufaure verborgen und beschützt. Jules Dufaure (Niels Arestrup) steht für die guten Franzosen, die ihr Leben riskiert haben, ohne Vor- oder Nachteile abzuwägen.
Die amerikanische und mit einem französischen Unternehmer verheiratete Journalistin Julia Jarmond (Kristin Scott Thomas ist diese Woche auch im ebenfalls anlaufenden Lasse-Hallström-Film „Lachsfischen im Jemen“ zu sehen) recherchiert in Paris diese erstmals 1995 von Staatspräsident Jacques Chirac thematisierte „Schande Frankreichs“, die den jahrzehntelang gehüteten Mythos der im Widerstand vereinten Franzosen zertrümmert hat. Es waren französische Beamte, Kollaborateure und Polizisten, die in vorauseilendem Gehorsam ihre jüdischen Nachbarn den deutschen Besatzern ausgeliefert haben. Aber die Tasten von Julias Computer beginnen zu glühen, als sie die Adressen der deportierten Naziopfer überprüft. Die Familie Starzynski etwa wurde aus jenem Haus geholt, in dem Julia und ihr Mann Bertrand Tezac (Frédéric Pierrot) gerade eine Luxuswohnung einrichten. Diese Wohnung gehört der Familie seit 1942 und auf Nachfrage sagt die Großmutter von Bertrand, „sie war ganz plötzlich frei geworden“. Tatsächlich ist es die Wohnung, in der Sarah Starzynski ihren kleinen Bruder zurücklassen musste. Die Tezacs wunderten sich damals über den Gestank, den sie jedoch einer toten Katze zugeschrieben haben, bis Sarah zum Entsetzen der neuen Bewohner das grausige Geruchsrätsel aufklären konnte. Einsetzende Übelkeitsanfälle bezieht die Journalistin auf ihre Recherche, doch Julia erwartet ein Kind, das in Bertrands Lebensplanung keinen Platz mehr findet. Damit beginnt eine doppelte Entfremdung, die von der Schwangeren für die Suche nach der verschollenen Sarah genützt wird. Schwangerschaft und Geburt funktionieren im Film als Kalender für die vergehende Zeit.
In der Nacherzählung klingt die Geschichte etwas konstruiert, doch Paquet-Brenners Parallelmontagen über Sarahs Verstummen und Julias Besessenheit ergeben eine emotionale Wahrheit, wie sie schon in „Das Leben ist schön“ zu sehen war. Es sind aufwühlende Bilder, die das abstrakte Grauen deutlich machen.



