26.05.2012, 06:25  Aktualisiert: 26.05.2012, 09:58 
Cannes

Haneke gilt als Favorit bei Filmfestspiele Cannes

Beim Filmfest Cannes ist seit Tagen ein Name dauerpräsent: Michael Haneke gilt als Favorit für die Goldene Palme.
Wenn es nach den Kritikern ginge, bekäme der Österreicher am Sonntagabend wohl den begehrten Hauptpreis für sein berührendes Drama „Liebe“.
Foto: APA (epa)/IAN LANGSDON

Cannes - Geht es nach den Kritikern, steht der Gewinner der Goldenen Palme der 65. Filmfestspiele in Cannes bereits fest: Der österreichische Filmemacher Michael Haneke hat am vergangenen Sonntag die internationale Medienlandschaft mit „Amour“, einem berührenden und zärtlichen Drama über das Sterben, erschüttert und gilt vielen als einziger Kandidat für den begehrten Hauptpreis. Chancen werden auch dem Rumänen Cristian Mungiu eingeräumt, der mit seinem strengen Drama „Beyond the Hills“ Eindruck hinterließ. Für beide Regisseure wäre es die zweite Palme, Gewissheit wird es jedoch frühestens am Sonntagabend geben.

Haneke hat deutlich Wirkung hinterlassen, sein intensives Kammerspiel mit Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant beschäftigte und bewegte zahlreiche Kinogänger noch lange nach der Vorführung. „Amour“ handelt von einem alten Paar, dessen Leben und Liebe durch einen Schlaganfall auf den Prüfstand gestellt wird. Haneke inszeniert das unsentimental, schafft so aber eine enorme Emotionalität und Wucht. Auch bei Mungiu geht es um Liebe, hier allerdings um die zweier junger Frauen, von denen die eine nicht ohne die andere leben kann. Doch als sie ihre Freundin aus einem Kloster holen will, kommt es in dem streng orthodoxen Umfeld zur Katastrophe.

Einigen Filmen werden zumindest Außenseiterchancen zugebilligt. Jacques Audiard hatte gleich am ersten regulären Festivaltag mit „Rust & Bone“ für einen starken Auftakt gesorgt, auch wenn sein Drama um eine junge Frau, die nach einem Unfall ihre beiden Beine verliert und wieder zurück ins Leben finden muss, teilweise überdramatisiert wirkt. Auch über den zweiten österreichischen Beitrag, Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ über Sextouristinnen in Kenia, wurde an der Croisette viel diskutiert - ebenso wie über die Abwesenheit der österreichischen Kulturpolitik an der Cote d‘Azur. Ministerin Claudia Schmied (S) hat inzwischen jedoch eine Einladung an Seidl und Haneke zu einem Empfang nach der Rückkehr ausgesprochen.

Als Geheimtipp firmierte der Franzose Leos Carax mit seinem verrückten Film „Holy Motors“, der neben einer durchgeknallten Inszenierung vor allem mit einprägsamen Bildern und einer wandlungsfähigen Hauptfigur im Gedächtnis blieb. Denis Lavant hat sich damit zumindest in eine gute Position für den Darstellerpreis gebracht. Auch Jean-Louis Trintignant hat viele mit seinem präzisen Spiel nach vierzehnjähriger Kinopause beeindruckt, ebenso wie seine Co-Darstellerin Emmanuelle Riva, die den geistigen und körperlichen Verfall in „Amour“ so realistisch wiedergibt, dass man sich später bei der Pressekonferenz fast über die Lebendigkeit ihrer Antworten wunderte.

Die hohe Anzahl an Schauspielerinnen, die mit ihrem starken Spiel überzeugen und in Erinnerung bleiben konnten, ist überhaupt bemerkenswert: die Frauen aus „Beyond the Hills“ etwa oder Marion Cotillard als Wal-Trainerin ohne Beine in „Rust & Bone“ oder Nicole Kidman als sexy-aufgedonnerte Verlobte eines verurteilten Mörders in „The Paperboy“. Ebenso bemerkenswert waren aber auch einige männliche Performances, etwa jene von Mads Mikkelsen in Thomas Vinterbergs wenig gelungenem Film „Hunt“ oder jene von Robert Pattinson. Als gefühlskalter Milliardär in David Cronenbergs „Cosmopolis“ gelingt es ihm Kritikern zufolge erstmals, sich von seinem „Twilight“-Image zu lösen. Vielleicht auch noch ein später Preiskandidat? (APA/dpa)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Sa, 26.05.2012  06:25
aktualisiert: Sa, 26.05.2012  09:58
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