Indien boomt - Viele Kinder müssen trotzdem hungern
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Der wirtschaftliche Boom lässt die Armen im Stich: Rund 3000 Kinder sterben noch immer täglich an den Folgen von Unterernährung.
Foto: REUTERS
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Von Annie Banerji/Reuters
Shivpuri - Die zweijährige Rajini wirft einen viel zu dünnen Schatten. Die elektronische Waage der heruntergekommenen Ernährungsklinik in der zentralindischen Stadt Shivpuri zeigt an, dass das weinende Kind mit den hervorstehenden Rippen fünf Kilo wiegt - halb so viel wie gesunde Altersgenossen.
„So leicht wie ein Blatt“
„Sie ist so leicht wie ein Blatt - das kann doch nicht gut sein“, klagt ihre Großmutter. Wahrscheinlich weiß sie gar nicht, wie recht sie damit hat: Unterernährte Kinder bleiben ihr Leben lang kleiner, schwächer und weniger intelligent als wohlgenährte Spielkameraden - falls sie überhaupt überleben.
Rajini ist bei weitem kein Einzelfall: Mehr als 40 Prozent aller indischen Kinder leiden derzeit unter Untergewicht - doppelt so viele wie in Schwarzafrika. Obwohl sich das indische Pro-Kopf-Einkommen allein zwischen 1990 und 2005 auf durchschnittlich rund 500 Dollar pro Jahr verfünffacht hat, ist die Hungerquote in den vergangenen Jahren so gut wie gar nicht zurückgegangen. Rund 3000 Kinder sterben noch immer täglich an den Folgen von Unterernährung. Der wirtschaftliche Boom lässt die Armen im Stich.
Schockierend ist deshalb nicht nur, dass in dem Wirtschaftswunderland noch immer die Unterernährung grassiert. Genauso erschreckend ist der geringe Fortschritt im Kampf gegen diesen Missstand. Ministerpräsident Manmohan Singh räumte zwar bereits ein, dass die Unterernährung eine „nationale Schande“ darstellt. Echte Taten lassen aber auf sich warten.
Viele Familien haben weniger als zwei Euro pro Tag
Der Kampf einiger Behörden gegen Unterernährung bei Kindern scheitert schlicht an der horrenden Armut vieler Familien, die mit weniger als zwei Euro pro Tag auskommen müssen. Die Empfehlungen der Beamten können sie sich nicht leisten. Schlechte Hygienebedingungen, zu wenig Geld für das Gesundheitswesen sowie eine mangelhafte Erziehung verschärfen das Problem genauso wie frauenfeindliche Bräuche wie die Kinderheirat sowie eine schlechte Verwaltung von Lebensmittel-Vorräten.
Den Mitarbeitern in der Ernährungsklinik in Shivpuri graut schon jetzt vor dem Beginn des indischen Sommers im April. Dann werden Krankheiten wie Durchfall und Malaria die Zahl der gefährdeten Kinder explodieren lassen. „Dann müssen sich drei Kinder ein Bett teilen und viele auf dem Boden schlafen“, berichtet die Angestellte Rekha Singh Chauhan.
Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch verschärft
Das von vielen Ländern beneidete indische Wirtschaftswachstum von jährlich acht bis neun Prozent füllt zwar die Portemonnaies der wachsenden städtischen Mittelschicht, die in glitzernden Shopping-Zentren Sushi essen kann. Im Land der Gegensätze hat der Boom die Kluft zwischen Arm und Reich jedoch dramatisch verschärft.
Ernährungsexperten bemängeln vor allem, dass der Kampf gegen die Unterernährung offenbar für die Regierung keine Priorität hat. So gibt das Land nur 1,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Gesundheit aus - so wenig wie kaum ein anderer Staat.
Die Chefin der Organisation Save the Children International, Jasmine Whitbread, fordert angesichts dieser Zahlen endlich Taten von der Politik. „Wir wissen nicht nur aus Indien, sondern aus vielen Ländern in der ganzen Welt, dass Wirtschaftswachstum nicht von alleine bei den Armen ankommt.“ Deshalb müsse die Elite die Herausforderung annehmen und entsprechende Entscheidungen treffen.
Bislang ist davon wenig zu spüren - die indische Regierung ist stattdessen gerade dabei, neue Kampfflugzeuge für 15 Milliarden Dollar zu kaufen.
aktualisiert: Sa, 18.02.2012 08:35






