25.03.2012
Gesundheit

Vom Innehalten und rasenden Stillstand

Die Sommerzeit hat begonnen: Höchste Zeit also, wieder einmal über das Leben im Uhrzeiger-Unsinn oder geschlagene Stunden nachzudenken. „Nutzen Sie die Zeit“, sagt die Philosophin Ute Lauterbach. „Machen Sie nichts!“
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Die Sommerzeit hat geschlagen

Die Idee einer saisonalen Zeitumstellung wurde erstmals 1784 von Benjamin Franklin in einem Brief über „die Kosten des Lichtes“ erwähnt, in dem er den hohen Kerzenverbrauch kritisierte.

Eingeführt wurde die Zeitumstellung erstmals am 30. April 1916 im Deutschen Reich, in Österreich-Ungarn und in Irland, allerdings wurde sie später wieder abgeschafft. In den 1970er-Jahren beschlossen die meisten Länder der damaligen Europäischen Gemeinschaft die Einführung der Sommerzeit. Nach der Ölkrise sollte durch eine bessere Nutzung des Tageslichts Energie gespart werden. Ende 1994 wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der EU vereinheitlicht.

2012: Die Uhr wurde in der Nacht auf heute, 25. März, um 2 Uhr eine Stunde vorgestellt. Die Sommerzeit endet Ende Oktober.

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Im Ernst: Wie viele Leute kennen Sie, die ohne zu zögern sagen: „Ja, ich habe gerade Zeit.“ Ute Lauterbach gehört zu diesem kleinen Kreis von Menschen, die mit ihren spontanen Zusagen andere überraschen. Haben diese doch oft gar nicht damit gerechnet. Doch die deutsche Autorin und Philosophin hält nicht nur Vorträge darüber, dass wir in der Gegenwart leben sollen, dass wir uns auf die Dinge einlassen sollen, die da kommen mögen. Jetzt.

Sie ist eine, die Zitate verdreht: So wird aus ihrem Mund etwa „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ zu „ist aller Tugend Trumpf“. Denn Menschen, die nicht immer nur zielstrebig ihren Weg gehen, sondern auch einmal nach rechts und links schauen, würden vieles zuvor Unbemerkte wahrnehmen. „Indem sie sich die Zeit dafür nehmen, kann Kreativität entstehen“, sagt Ute Lauterbach.

„Nutzen Sie die Zeit!“, empfiehlt die Autorin des „Zeitbeschaffungs-Buches“. „Machen Sie nichts!“ Es ist ein unkonventioneller Ratschlag, den sie unter Zeitdruck stehenden Menschen gibt. „Je mehr wir fremdbestimmt sind und unter Stress stehen, umso größer ist das Bedürfnis, den Druck loszuwerden.“ Der Drang, sich zurückzuziehen, sich zu entspannen, werde so immer größer und stehe im direkten Kontrast mit der ständig zunehmenden Anspannung.

Jeder hat es selbst in der Hand: „Wollen wir weitermachen bis zum Herzinfarkt oder etwas dagegen tun?“ Was in diesem Fall wieder bedeutet: nichts. Und wieder zitiert die Autorin: „Wie heißt es noch? Dem Glücklichen schlägt keine Stund‘.“ Sie würde Schillers geflügeltem Wort vom Wunschlosen, der die Zeit vergisst, aber noch hinzufügen: „Den Unglücklichen schlägt jede Sekunde.“ Denn wer im Leben nicht zurechtkomme, dem sei die Zeit verleidet. Und für den könne jede Sekunde seines Lebens die Hölle sein.

Für Lauterbach geht es um die Frage: „Wie wollen wir leben? Wollen wir alles schaffen oder geschafft sein? Wollen wir schöpferisch und kreativ sein?“ Jeder müsse seine Prioritäten finden. „Albert Camus sagte, dass die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber darin bestehe, alles der Gegenwart zu geben. Mit einem vollen Terminkalender aber bleibt dafür keine Zeit.“ Denn in der Gegenwart zu leben bedeute, auch einmal innezuhalten. Der Frühling – das Zwitschern der Vögel, die erwachende Natur – biete sich geradezu dafür an.

Arbeit könne Mühsal sein oder erfüllend und einem Vergleich mit einer nicht ganz geglückten Freizeit durchaus standhalten. Alles stehe und falle mit der inneren Befriedigung, sagt die Autorin, die in „Das Zeitbeschaffungs-Buch“ (Verlag Kreuz) 14 Wege aufzeigt, um mehr Zeit zu gewinnen. So fragt sie etwa ihre Leser, wann diese zuletzt wunschlos glücklich gewesen seien und wie sich dieses Gefühl überhaupt anfühle. „Was war da anders als sonst?“ „Hängt es von äußeren Gegebenheiten ab?“ Und: „Was könnte ich tun oder lassen, um das wunschlose Glück einzuladen?“ Wer sich darauf einlässt, könne zuletzt einen beachtlichen Zeitgewinn verbuchen, meint die Autorin. Denn er müsse für Fragen wie diese künftig keine Glücksbeschaffungszeit mehr aufbringen. „Wer wunschlos glücklich ist, bejaht, was ist.“

Wer nicht liebt, was er tut, seine Zeit also verschwendet, der muss sich Handlungskonsequenzen ausdenken, etwas anders machen. „Ich kann weder die Vergangenheit noch die Gegebenheiten der Natur oder andere Menschen verändern. Diese Dinge müssen wir bedingungslos akzeptieren, sonst geht noch unsere ganze Zeit beim Hadern verloren.“ Doch alles andere könnten wir beeinflussen.

Die Zeitumstellung stellt für die ehemalige Studienrätin für Philosophie und Englisch immer eine große Herausforderung dar: „Muss ich nun vorwärts oder rückwärts rechnen?“ Die eine verlorene Stunde bei der Umstellung auf die Sommerzeit werde durchaus wettgemacht durch die gewonnene Stunde am Abend, wenn es länger hell sei „und die Vögel jetzt zu Frühlingsbeginn zwitschern, als wären sie durchgeknallt“. Wenn viele um diese Jahreszeit sagen: „Entrümple doch deinen Keller“, dann meint sie: „Entrümple doch die Zeit!“ Stress entstehe dann, wenn zu viel in eine bestimmte Zeitspanne gepackt werde. Ihre ganz persönliche Definition lautet: „Stress ist rasender Stillstand.“ Denn auch wer sich sehr anstrenge, um etwas voranzubringen, kann scheitern. „Das Ergebnis ist unter Umständen zweifelhaft, nützt niemandem und macht auch nicht glücklich. Wir verdienen vielleicht mehr Geld für Dinge, die wir nicht brauchen. Und um diese wieder zu entrümpeln, müssen wir wieder Zeit aufwenden. Das ist doch alles sehr verrückt, oder?“

Als Ute Lauterbach neulich die Einkäufe aus der säuberlich gepackten Kiste fielen, reagierte sie entspannt. Zur Kassiererin, die meinte, gerade keine Zeit zum Helfen zu haben, sagte sie: „Gut, dann mache ich es das nächste Mal wieder!“ Als sie daraufhin immer mehr Angebote bekam, sagte sie: „Dann werde ich das einfach immer so machen!“ In einer anderen, schlechteren Grundverfassung, unter Zeitdruck, hätten sie die am Boden liegenden Anschaffungen auch an den Rand bringen können. „Ein und dieselbe Situation kann einen fertig machen oder – wie in diesem Fall – richtig Spaß bringen.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 25.03.2012
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