01.04.2012
Tiere

Die fliegenden Götterboten

Die Familie der Raben ist facettenreich: Zu ihr gehören der größte Singvogel der Welt, 3000 Kilometer weit reisende Zugvögel, greifvogelartige Jäger – kein Wunder also, dass einige von ihnen früher als Götterboten betitelt wurden.

Von Helmut Pechlaner

Rabenkrähe und Nebelkrähe sind zwei Brüder/Schwestern derselben Art. Die grauschwarze Nebelkrähe besiedelt das östliche Europa mit Asien, die rein schwarze Rabenkrähe das westliche Europa. In Österreich überschneidet sich die Grenze in Niederösterreich, in meiner Alpenzoo-Zeit lieferte die Nebelkrähen sogar der Tierpark (Ost-)Berlin. Oft werden beide gemeinsam als Aaskrähen bezeichnet. Diese Vögel sind so richtige Allesfresser und räumen alles tote Getier auf, auch Reste, die Beutegreifer liegen lassen.

Wenn auch gleich groß, so ist die Saatkrähe doch gut zu erkennen. Ihr schlanker Körper, ihr metallisch glänzendes, schwarzes Gefieder sind typisch, der nackte, weißliche Schnabelgrund (Grindschnabel) ist absolut unverwechselbar. Bei uns in Österreich brüten nur wenige Kolonien dieser Vögel, im Herbst jedoch fallen Zehntausende von Saatkrähen aus Polen und Russland bei uns ein, einige überwintern hier, andere ziehen nach Belgien und Frankreich weiter. Diese Zugvögel legen oft bis zu 3000 Kilometer zurück.

Sie leben vor allem von tierischen Kleinlebewesen, aber auch von Früchten und Samen. Ihr Name Saatkrähe sollte ihnen jedoch nicht zum Verhängnis werden. Wenn sie auch auf Feldern Saatgut aufnehmen, so bevorzugen sie doch Insekten, Schnecken und auch Mäuse, die sie geschickt fangen.

Der König der Raben ist der Kolkrabe und mit einer Flügelspannweite von über einem Meter zugleich auch der größte Singvogel der Welt. Sein tiefschwarzes Gefieder glänzt beim erwachsenen Vogel in der Sonne wie Metall, die flüggen Jungvögel sind zwar gleich groß, ihre Federn jedoch noch matt schwarz. Die Verwechslung mit der kleineren Rabenkrähe ist nur auf weite Entfernungen beim sitzenden Vogel möglich. Im Flug zeigt der Kolkrabe seinen spitz zulaufenden Schwanz, beim Ruf stellt er sich mit seinem wiederholten „Kolk-Kolk“ vor. Bis zur radikalen Verfolgung durch den Menschen bewohnte der Kolkrabe früher ganz Europa, das nördlich gemäßigte Asien bis Nordwestindien, Tibet und Nordchina, Nordafrika und Nordamerika bis Honduras. Wegen seiner vermeintlichen Schädlichkeit wurde er vielerorts ausgerottet. Wir Menschen haben wieder einmal Ursache und Wirkung vertauscht. Der Rabe wurde bei abgestürzten Haustieren angetroffen, aber auch bei totem Wild, das, wenn schon nicht von selbst verendet, von Wölfen oder anderen Jagdtieren erlegt wurde.

Als Aasfresser findet er hier reich gedeckten Tisch, wir Menschen unterstellen ihm, er hätte diese Tiere selbst erbeutet! Kleintiere am Boden aber fängt er genauso wie ein Greifvogel. Kolkraben zählen zu den klügsten Vögeln, ihre Intelligenz wird mit der mancher Papageien schon in die Nähe der Primaten gestellt. Bis zur Geschlechtsreife im vierten Lebensjahr lernen die Jungtiere viel von ihren Eltern, trainieren allerlei in Jugendtrupps, bringen jedoch viel angeborenes Verhalten mit.

Wer sich wirklich intensiv mit Kolkraben beschäftigen will und neben Freilandbeobachtungen auch fachliche Spezialinformation aus erster Quelle erhalten will, der muss nach Grünau ins Almtal in Oberösterreich fahren. Beim Cumberland-Park in Grünau gibt es wohl die größte freilebende Kolkrabenkolonie Österreichs, im dort gelegenen Konrad-Lorenz-Institut arbeiten Wissenschafter seit Jahren mit diesen außerordentlich intelligenten Tieren. Das Sozialverhalten der Kolkraben, aber auch das geschickte Beutemachen im Wolfsgehege, das misstrauische Beobachten des Menschen – das und vieles andere mehr zeigt, was in den Rabenvögeln wirklich steckt! Die tollsten Geheimnisse dieser herrlichen Vögel verrät dort Dr. Gertrude Drack, welche als volkstümliche Raben-Gerti wohl in die Geschichte dieses Tales eingehen wird!

In unseren Märchen und Sagen stehen sie mit Hexen und Zauberern in Verbindung, zu „Galgen-Vögeln“ wurden sie, weil dieser Rastplatz für den Menschen eine ausgesprochen schicksalhafte Bedeutung hat.

Es muss schon etwas bedeuten, wenn Kolkraben die Götterboten der Germanen, der Eskimos und anderer nordamerikanischer Indianer waren.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 01.04.2012
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