22.04.2012
Forschung

Der tägliche Terror per Mausklick

30 Prozent der Jugendlichen hatten bereits Erfahrungen mit Cyber-Mobbing. Meistens stehen die Opfer und ihre Eltern dem hilflos gegenüber. Der Kriminalbeamte Horst Lehner gibt Kurse an Schulen, in denen er Kindern und Jugendlichen Hilfestellungen bietet, wie sie sich wehren können.

Von Judith Sam

Eine winzige Bewegung mit dem Zeigefinger – ein Klick – reicht oft aus, um die Welt eines Kindes zu erschüttern. Zahlreiche Hassgruppen oder diffamierende Videos von Tiroler Schülern grassieren laut Horst Lehner, dem Koordinator für schulische Gewalt- und Suchtprävention beim Tiroler Landeskriminalamt, im Internet. Der Kriminalbeamte besucht seit Jahren Schulen und klärt die Schüler unter anderem über die Gefahren von Internet-Mobbing auf. „Ich habe bisher mehr als 500 Klassen aufgesucht und in kaum 20 davon konnte jeder Schüler so sein, wie er wollte, ohne gemobbt zu werden“, schildert er.

Das traditionelle Mobbing am Schulhof wäre zwar deutlich öfter der Fall, das virtuelle sei jedoch oft nachhaltiger: „Sind peinliche Fakten oder Bilder erst im Internet, kursieren sie rasch, erreichen in kurzer Zeit viele Personen und sind infolgedessen schwer wieder zu löschen.“ Viele dieser Cyber-Mobbing-Attacken liefen über die Seite Facebook: „Ein zustimmender Klick auf eine dieser Hassclub-Seiten ist schnell getan. Viele Mitschüler überlegen erst gar nicht, welche Auswirkungen ihre Taten haben.“ Was für sie eher eine beiläufige Handlung sei, bestätigt dem Opfer immer wieder von Neuem, wie unbeliebt es ist. Selbst Lehrer könnten Opfer dieser virtuellen Zur-Schau-Stellung vermeintlicher Schwächen werden.

Allerdings sei es die falsche Schlussfolgerung, das Internet oder spezielle Seiten darin anzuprangern: „Schuld sind die Menschen dahinter. Die drei Tirolerinnen, die kürzlich wegen ihrer Facebook-Statements gegen den Chef den Job verloren haben, sind selbst daran schuld. Nicht Facebook ist der Täter, es ist nur ein Medium.“ Früher hätte man im Gasthaus über den Chef geschimpft – da hätte sich auch niemand über das Gasthaus beschwert.

Während im realen Leben populäre Schüler im Grunde nie Mobbingopfer werden, weil sie eine gewisse Machtposition und zahlreiche Freunde haben, sieht das im Netz anders aus. In der Schule Ausgegrenzte können sich im Web zusammenrotten und so sehr stark werden – so kann auch mal ein in der Realität beliebtes Kind zum Opfer werden.

Das Cybermobbing beginnt laut Lehner bereits in der ersten Volksschulklasse. Die gravierendsten Ausmaße erreichten die Diffamierungen kurz vor der Matura.

Mädchen würden tendenziell öfter Hassclubs gründen, im Vertrauen ausgetauschte Informationen früherer Freundinnen preisgeben oder Gerüchte streuen. Jungen neigten dazu, Videos etwa auf Handys aufzunehmen, auf denen man sieht, wie sie ihre Opfer verprügeln, und diese dann online zu stellen. 74 Prozent der Täter und 54 Prozent der Opfer seien männlich.

Es verwundert also nicht, dass ein solches Vorgehen, wenn es über einen längeren Zeitraum angewendet wird, immer wieder Jugendliche in den Selbstmord treibt. „Man denkt immer, so schlimm sei es nur weit weg von uns. Das stimmt aber nicht. Ich habe erst kürzlich eine Talkshow gesehen, in der eine Kärntnerin schilderte, wie sich ihr Sohn als Folge von virtuellem Mobbing mit 13 Jahren das Leben nahm“, erzählt Lehner.

Umso wichtiger sei es, auf erste Indizien im Verhalten des Kindes zu achten: „Wird es auffallend introvertiert, verliert die Lust, die Schule zu besuchen, oder hat einen Leistungsabfall, sollte man hellhörig werden.“ Das Um und Auf sei es, mit seinen Kindern zu sprechen: „Eine gemeinsame Mahlzeit am Tag fördert die Beziehung ungemein. Und je besser die Beziehung ist, desto eher wendet sich das Kind an die Eltern, wenn es zum Opfer wird.“ Doch trotzdem kann es der Fall sein, dass Kids sich nicht an ihre Erziehungsberechtigten wenden: „Das passiert, wenn die Kleinen Angst haben, dass ihre Eltern sich an die der mobbenden Kinder wenden. Tun sie das, kann die Situation eskalieren.“

Ratsam wäre es daher, sich an den Schuldirektor oder Lehrer zu wenden. Gerade beim Cyber-Mobbing wäre auch rechtliches Vorgehen ratsam, denn online Geschriebenes lässt sich gut beweisen.

„Egal wie, ich würde mich auf jeden Fall wehren“, meint Lehner überzeugt. Es ginge gar nicht primär darum die Täter zu bestrafen, sondern für die Opfern wieder Lebensqualität zu schaffen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 22.04.2012
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