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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 07.06.2013

TT-Interview

„Wir alle leben momentan auf Pump der Natur“

Warum es Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb gewohnt ist, dass bei Katastrophen wie dem Hochwasser ihr Telefon heißläuft, sie aber trotzdem gerne Auskunft über die ernste Lage unseres Klimas gibt. Und warum sie sich privat in einem Kneipphotel gerne kalte Füße holt.

Angesichts der Hochwasser-Ereignisse wollten in den letzten Tagen zig Medien mit Ihnen reden. Wissen Sie, wie viele Anfragen es waren?

Helga Kromp-Kolb: (lacht) Nein, ich hab’s nicht gezählt, aber es waren viele.

Und alle wollten wissen, ob der kalte, nasse Juni samt Hochwasser ein Beispiel dafür ist, was die Klimaerwärmung in Zukunft für uns bedeutet?

Kromp-Kolb: Viele wollten über die unmittelbare Wetterlage etwas wissen. Natürlich kommt auch die Frage, inwieweit wir Menschen selber Schuld an solchen Ereignissen haben und ob das mit der Erderwärmung zu tun hat.

Und, sind wir selber schuld?

Kromp-Kolb: Ereignisse wie das Hochwasser sind für uns Klimaforscher von sehr großer Bedeutung und wir wissen, dass durch die Erderwärmung das Potenzial für höhere Hochwasser gegeben ist. Zukünftige Hochwasser werden höher sein als die alten, das ist ein Teil des Klimawandels. Was gerade passiert ist, passt dazu. Bei heftigen Unwettern gibt es auf jeden Fall eine Komponente, die mit der Erderwärmung zu tun hat. Mehr Wärme erzeugt mehr Wasserdampf und mehr Wasserdampf in der Atmosphäre ergibt ein höheres Potenzial für heftige Niederschläge.

Diese kann der Boden irgendwann nicht mehr schlucken. Haben wir der Natur zu viele freie Flächen weggenommen, wie Auen, die das Regenwasser aufnehmen können?

Kromp-Kolb: Ja, das haben wir sicherlich getan. Wenn wir keine Retentionsflächen schaffen, hat das Folgen.

Darüber und über die Auswirkungen des Klimawandels wird jetzt wieder stärker diskutiert. Frustriert es Sie, dass nach Katastrophen immer ein Klimabewusstsein aufflackert, das kurze Zeit später wieder verlischt?

Kromp-Kolb: Natürlich ist es frustrierend, wenn man beobachtet, dass Katastrophen zum kurzen Nachdenken führen, aber nicht die Kraft haben, eine tatsächliche Veränderung im Verhalten herbeizuführen.

Was müsste uns viel stärker bewusst sein?

Kromp-Kolb: Dass die Auswirkungen der hausgemachten Erderwärmung auf das Klima schon sehr nahe sind. Die Veränderungen treffen nicht die übernächste Generation, sondern die nächste. Unsere Kinder werden es bereits zu spüren bekommen, was es heißt, dass die Temperatur steigt.

Vielleicht irritiert die Menschen einfach nur, dass keiner so ganz genau weiß, was tatsächlich kommen wird. Noch vor Kurzem beschworen einige Medien beispielsweise eine nächste Eiszeit herauf. Was wird uns letztendlich wirklich blühen?

Kromp-Kolb: Der Eindruck aus den Medien und dem Internet täuscht. Die Wissenschaft ist im Wesentlichen bei den Kernaussagen auf einem Nenner: Die Variabilität des Klimas wird zunehmen, das Wetter wird unbeständiger und unberechenbarer. Die Zahl der heißen Tage wird steigen. Nicht umsonst schmelzen die Gletscher schon jetzt unter unseren Augen dahin. Natürlich gibt es Unsicherheiten, aber die sind nicht wesentlich. Wie schnell wird der Meeresspiegel steigen? Und in welchem Ausmaß? Darum geht es nicht. Wir klammern uns hier an einen Ruf der Genauigkeit, der nicht wesentlich ist. Wesentlich ist, dass der Meeresspiegel steigt.

Wenn die Folgen so schwerwiegend sind, warum gibt es dann etwa für Österreich nur wenige Studien, die die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels regional beleuchten?

Kromp-Kolb: Das große Problem hier ist, dass der Rat für Forschung und Technologieentwicklung über Jahre hinweg jeden Euro, der in Forschung investiert wurde, doppelt an die Wirtschaft zurückspielen musste. Es musste sich rechnen. Das ist aber kurzfristig gedacht und so funktioniert Klimaforschung nicht. Diese ist unheimlich interdisziplinär und hat wenig mit klassischer Forschung zu tun. Dafür rechnet sich keine Forschung langfristig so gut wie Klimaforschung. Dieses Umdenken kommt erst langsam.

Wie lange haben wir noch Zeit, um das Klima halbwegs stabilisieren zu können – 50, 100 Jahre?

Kromp-Kolb: Nein, keine 50 und keine 100 Jahre. Die 2-Grad-Grenze wird wahrscheinlich Mitte des Jahrhunderts überschritten werden. Wenn sich die Erderwärmung auf ein Plus von zwei Grad einpendelt, könnten wir das Klima vermutlich noch halbwegs stabil halten. Dafür müssen wir aber jetzt handeln. Wir sind mittendrin, nur spüren wir es noch nicht ganz so. Es gibt da den berühmten Vergleich mit dem Frosch: Wenn man ihn in einen Topf mit heißem Wasser gibt, springt er raus. In kaltem Wasser, das langsam erhitzt wird, übersieht er den richtigen Moment. Ähnlich ist es mit dem Klimawandel. Es braucht dramatische Veränderungen in der Wirtschaft und Menschheit. Wir müssen anders leben.

Mit Klima- und Umweltschutz verbinden viele Auto stehen lassen, zu Fuß gehen, unbequemer leben. Es scheint so, dass freiwillig keiner so leben mag.

Kromp-Kolb: Die Beharrlichkeit unseres Systems ist heftig, aber sie ist nicht zielführend. Wir halten an etwas fest, das nicht funktioniert. Fakt ist, dass wir auf Dauer so nicht weiterleben können. Momentan leben wir voll auf Pump der Natur, der dritten Welt und zukünftiger Generationen. Es fehlt leider noch das Bewusstsein, dass es anders auch gehen kann und das Leben deshalb trotzdem gut sein kann. Wenn wir den Menschen vorzeichnen könnten, wie ein Leben in einer nachhaltigen Gesellschaft aussehen könnte, würden die meisten erkennen, dass es gut und lebenswert ist.

Müsste nicht die Politik deutlichere Richtungssignale setzen? Bei der Klimakonferenz 2009 gab es zuletzt einen weltweiten Fokus auf die Erderwärmung. Passiert ist praktisch nichts...

Kromp-Kolb: Für mich war das die letzte Hoffnung, dass die Politik etwas tut. Mittlerweile habe ich diese Hoffnung begraben. Die Politik steht zu sehr unter Druck seitens der Wirtschaft. Ich glaube, dass die großen Reformen auf nationaler Ebene kommen müssen. Das geht nur, wenn es auf lokaler Ebene geschieht und von Einzelnen getragen wird. Zum Glück gibt es auch schon Gegenden, wo viel im Sinne des Klimaschutzes passiert.

Sie hoffen mehr auf die Kraft des Einzelnen als auf Wirtschaft und Politik?

Kromp-Kolb: Ja, weil ich glaube, dass auf politischer Seite nichts passieren wird, wenn kein Druck von der Bevölkerung kommt. Und in der Wirtschaft geht es nach wie vor um Gewinnmaximierung, das passt aber nicht mehr in unsere Zeit, das ist vorbei. Wirtschaftswachstum und Klimaschutz stehen in der Praxis leider im Widerspruch.

Was erwarten Sie vom Einzelnen?

Kromp-Kolb: Viel. Die wirklich großen Bewegungen haben schon immer mit der Kraft Einzelner begonnen.

Kann der Einzelne wirklich viel bewegen, wenn er sein Auto stehen lässt?

Kromp-Kolb: Es geht nicht nur darum, dass er sein Auto stehen lässt und Kohlendioxid einspart. Es geht vor allem um die Einstellung. Jemand, der öfters sein Auto stehen lässt und zu Fuß geht oder mit den Öffis fährt, der tut mit der Zeit auch andere Sachen für die Umwelt. Der überlegt sich auch, ob er wirklich einen Langstreckenflug für den Urlaub braucht. All das hat Auswirkungen auf die Umgebung und andere. Es geht um Einstellung und Haltung.

Leben Sie nachhaltig?

Kromp-Kolb: Mein Mann und ich versuchen es. Wir vermeiden das Auto, so oft wie möglich. Ich fliege, aber überlege mir genau, ob es notwendig ist. Wir schauen genau, wo wir Urlaub machen und wählen Gemeinden, die ein nachhaltiges Konzept haben.

Wo liegt heuer das Ziel?

Kromp-Kolb: Wieder in Österreich, wir fahren in eine altmodische Kuranstalt, wo es klassische Kneippkuren gibt. Kaltwasser klingt unbequem, aber es ist ungeheuer erholsam und entschleunigend. Das tut gut.