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Uni Innsbruck

Jedes Grad Erderwärmung könnte Meeresspiegel zwei Meter erhöhen

Heute ausgestoßene Treibhausgase werden den Meeresspiegel noch auf Jahrhunderte ansteigen lassen, zeigt eine jetzt in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienene Studie, an der der Innsbrucker Glaziologe Ben Marzeion beteiligt war.

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Von Katharina Zierl

Innsbruck – Mit der Erderwärmung steigt der Meeresspiegel. Keine neue Erkenntnis. Neu ist, dass Forscher erstmals Angaben über den proportionalen Zusammenhang beider Phänomene machen können. „Dass jedes Grad Erderwärmung den Meeresspiegel auf lange Sicht um mehr als zwei Meter erhöhen könnte, war bislang nicht bekannt“, bestätigt Ben Marzeion vom Institut für Meteorologie und Geophysik an der Uni Innsbruck. Der Glaziologe war selbst an der aktuellen Studie beteiligt.

Kohlendioxid (CO2) bleibe lange in der Atmosphäre und habe langfristig einen starken Anstieg der Meere zur Folge, heißt es in dem Bericht des internationalen Forscherteams. Waren es in der Vergangenheit vor allem die Ausdehnung des etwas wärmeren Wassers sowie das Abschmelzen von Gebirgsgletschern, die zum Anstieg des Meeresspiegels um etwa 20 Zentimeter im 20. Jahrhundert führten, wird in ferner Zukunft vor allem das Abschmelzen des antarktischen und grönländischen Eisschilds diese Entwicklung beschleunigen.

Derzeit würde nur deshalb kein stärkerer Anstieg verzeichnet, „weil die großen Eisschilde aufgrund ihrer enormen Masse nur langsam reagieren“, betont Anders Levermann, Studienautor und Forschungsbereichsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Das Problem ist: Einmal aus dem Gleichgewicht gebracht, ist der Anstieg nicht mehr aufzuhalten. Außer, die Temperatur fällt“, erklärt Levermann. Stoppen könne man den Prozess rein theoretisch nur, „wenn man das Kohlendioxid, das bisher durch Verbrennen fossiler Energieträger in die Atmosphäre gelangt ist, wieder herausholen würde – das ist jedoch aus derzeitiger Sicht höchst unrealistisch“, erklärt Glaziologe Marzeion.

Im Jahr 2010 hatten sich die Mitgliedsstaaten der so genannten Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen darauf geeinigt, die Erderwärmung nicht über zwei Grad steigen zu lassen. Forschern zufolge drohen der Menschheit ab dieser Schwelle gravierende Konsequenzen wie eine Zunahme von Fluten und Hitzewellen.

„Es ist – auch wenn man das vorhandene CO2 nicht entfernen kann – wichtig, die Belastung künftig möglichst niedrig zu halten. Es macht durchaus einen gravierenden Unterschied, ob die Erderwärmung bei zwei oder bei vier Grad liegt“, betont Marzeion. Auch in Schutzbauten sollte vermehrt investiert werden. „Steigt der Meeresspiegel, sind Naturkatastrophen unausweichlich. Dass sich die Situation verschlechtern wird, ist vorhersehbar“, betont der Innsbrucker Forscher.

Auf die aktuelle Studie nahmen erstmals auch Belege aus der frühen Erdklimageschichte Einfluss. „Es fanden sich Hinweise, dass in wärmeren Perioden der Erdgeschichte die Meeresspiegel deutlich höher waren“, sagt Marzeion. Anhand von Computersimulationen wurden künftige Szenarien berechnet. „Wir haben bereits vorher gezeigt, dass diese Modelle Wachstum und Schmelzen der Eisschilde und Gletscher abbilden können“, sagt der Glaziologe der Uni Innsbruck.

Die Ergebnisse der Studie würden verdeutlichen, dass es zu einem signifikanten Anstieg des Meeresspiegels kommen werde: „Er mag zwar langsam sein, ist aber unausweichlich und wichtig für fast alles, was wir in Küstennähe bauen – und das noch für viele kommenden Generationen“, betont Levermann.

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