22.12.2011
Musik News

Gute Menschen singen kleine Lieder

Von Cornelia Ritzer

Wien – Es sind seltene Qualitäten im modernen Pop-Business, die den Singer-Songwriter Martin Klein auszuzeichnen scheinen. „Jetzt geht‘s um alles oder nichts“, singt der 28-Jährige und eröffnet damit sein zweites Album „Lass uns bleiben“. Emotionalität, erzeugt nur aus Kleins Stimme und Pianospiel, ohne Effekte, live an nur drei Tagen aufgenommen. Und erliegen andere der Versuchung, Gefühl ins Kitschige zu überhöhen, wirkt es hier fast bescheiden. Zurückhaltend lässt der Musiker Worte und Klänge wirken, die man nicht nur nebenbei hören will. Intensive Bilder wie „Und irgendwo auf einem Dach, nur wir zwei“ („Irgendwo“) wirken lange nach, die Lyrics treffen punktgenau.

Vom intensiven Zauber der 13 auf deutsch gesungenen Songs – auf seinem ersten 2008er-Album „Songs For My Piano“ performte er mit Band und auf Englisch – konnte sich vor Kurzem auch das heimische Publikum überzeugen. Im Innsbrucker Weekenderclub absolvierte der in Tirol geborene Musiker im Vorprogramm des melancholischen Pop-Barden Scott Matthew so etwas wie ein Heimspiel.

Und Kleins feinsinnige Musik funktioniert auch live. Denn auch wenn vieles wie aus Yann Tiersens Feder und dem Soundtrack zur „Fabelhaften Welt der Amélie“ klingt, bietet das Album mehr als nur zartbesaitete Träumereien. „Bevor wir alle sind wie Hamster, gut dressiert und eingekreist, öffnen wir noch schnell die Fenster, schreien für freien Geist“, singt er und setzt mit „Courage, Courage!“ nach. Ein schwungvoller Song für Wutbürger, die sich mit Vorschlaghammer-Argumenten unwohl fühlen.

Wollte man Martin Klein in eine Schublade stecken, sollte man vielleicht jene öffnen, in der sich auch Sophie Hunger oder Rufus Wainwright befinden. Auch die österreichischen Indie-Poeten Garish oder die wütenderen, aber auch philosophischeren Ja, Panik bieten sich als Referenz an. Sowie das britische Musikwunderkind James Blake: Auch wenn der 22-jährige Elektronik-Tüftler dem Dub­step zugeordnete wird, ist er schließlich ein wortge­wandter Mann mit Tiefgang am Piano. Wie Martin Klein.

Heute lebt der 1983 geborene Künstler in Wien, seine musikalische Heimat hat er beim Traumton-Label in Hamburg gefunden. Das hörbar besondere Fingerspitzengefühl hat der Exil-Tiroler vermutlich auch seinem Klavier-Studium bei dem renommierten blinden Jazz-Pianisten Bert van den Brink am Konservatorium Utrecht zu verdanken. Nur eine Station einer langen Reise, die im Cello-Unterricht im Kindesalter begann und über autodidaktisches Klavierlernen auf einem alten Piano, das in seinem Elternhaus herumstand, und Schlagzeugspielen als Teenager in Jazz- und Rockbands hin zu Engagements als Casinopianist und Musiker in Theaterprojekten und schließlich zu den Alben führte. Ganz sicher nicht Martin Kleins letzte musikalische Station.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 22.12.2011
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