Eine wütende Reflexion
Innsbruck – Ein Konzert der Wiener Rockband Kreisky ist keine Schmuserunde, bei der man gerührt lieblichen Melodien lauscht. Es ist vielmehr eine wütende Reflexion über einen als misslich empfundenen Zustand. Bemerkenswert, welche Energie Kreisky am Freitag im halbvollen Weekender freisetzte: Laut und unbarmherzig krachte der rockige Sound durch den Club und das Publikum war überwältigt von der Eruption. Bei den Wienern geht es immer gegen etwas: gegen das Ich, gegen die anderen, gegen das System, gegen das Bequeme, gegen die Eliten. „Es tut weh!“, schrie Sänger Franz Wenzl. Menschen brauchen doch nur Liebe, so einfach wäre das. Aber wohin mit der ganzen Enttäuschung?
Wenn man Kreisky sieht und hört, ist die Sache klar: Der Schmerz, die Verbitterung und der Zorn müssen hinausgeschrien werden. Das Gezeter wurde begleitet von heulenden, harten Gitarren, einem dumpfen, treibenden Bass und einem explodierenden Schlagzeug. Mit so viel Wumms, dass der Funke übersprang.
Die Band spielte ein hervorragendes Konzert mit einer abwechslungsreichen Setlist, darunter dem ruhigen, „alten und selten live gespielten ‚Autofahrten’“. Eine Autofahrt mit Kreisky ist freilich kein Sonntagsausflug, sondern vielmehr eine Geisterfahrt, bei der einem auch ordentlich schlecht wird. Das geniale „Körper an Körper“ pries Wenzl als „Weltdrittaufführung“ an und die Performance riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Überhaupt baute er eine gute Kommunikation mit seinen Fans auf, er scherzte und riss Witze über die Raucher in ihrem schalldichten Kabäuschen nebenan. Von dort aus konnte man die Band nämlich nur sehen, aber nicht hören – ein böses Manko.
Die Innsbrucker Newcomer-Band Vormärz erwies sich als optimaler Support und brachte schon im Vorfeld Schwung in die Bude. Beide Bands zeigten sich an diesem Abend in Bestform und die Fans gingen mit einer Mütze voll gutem Sound nach Hause. (sbn)



