28.03.2012
Thomas Gottschalk

Der Lausebengel hängt in der Luft

Schlamassel statt Masse: Thomas Gottschalk kämpft im ARD-Vorabend um Quote und Anerkennung. Vergebens, glaubt Medienexperte Alexander Kissler.
Seit Montag präsentiert sich „Gottschalk live“ in neuem Design – die Quote krankt aber noch immer.Foto: ARD/ Hageni
Foto: dpa/Soeren Stache

Von Christiane Fasching

Innsbruck – Wetten, dass Thomas Gottschalk in den vergangenen Monaten nicht nur einmal wehmutsvoll an jene Zeiten zurückdachte, in denen er die Massen vor den Fernseher zog und quotenträchtige Unterhaltung für die ganze Familie produzierte. Denn seit der TV-Titan den ZDF-Unterhaltungsdampfer „Wetten, dass..?“ verlassen hat, um den ARD-Vorabend zu entern, steht der 61-Jährige vor einem handfesten Problem – dem Sympathieträger von einst wird kaum noch Sympathie entgegengebracht. Feuilleton und Zuschauer scheinen sich bei „Gottschalk live“ verblüffend einig zu sein: Einschalten lohnt sich nicht.

Dabei hatte das 30-minütige Format im Wohnzimmer-Design verhältnismäßig gut begonnen. Knapp 4,3 Millionen Menschen verfolgten am 23. Jänner noch Gottschalks Live-Einstieg – und wurden Zeuge einer konzeptlosen Aneinanderreihung von Wischiwaschi-Plaudereien eines sichtlich mies unvorbereiteten Moderators, der noch dazu pausenlos von Werbeblöcken und der Wettervorhersage in seinem Redefluss gestoppt wurde. Die Quote ging auf Sinkflug und schlitterte unter die Millionenmarke. Gottschalk ging zuerst in Deckung und dann in die Offensive. Seine Krise machte er zum Thema. Oft zum einzigen seiner Sendung.

Ein Punkt, den der deutsche Medienexperte Alexander Kissler als Hauptgrund für den drohenden Untergang von „Gottschalk live“ sieht. „Es ist nicht klug, dauernd das eigene Scheitern zu thematisieren. Der Zuschauer schaltet ein, weil er Unterhaltung sucht. Und nicht, weil er hören will, dass die Sendung, die er gerade sieht, nicht funktioniert“, ist Kissler überzeugt. Die Schuld am Scheitern gibt er aber nicht dem Moderator allein. „Die ARD hat offenbar geglaubt, dass es ausreicht, einen Sympathieträger wie Gottschalk als Zugpferd für ein neues Format einzusetzen. Darüber hat man aber komplett auf ein Konzept vergessen. Anders gesagt: Man hat nur an den Rahmen gedacht und nie an die Inhalte.“

Dass mit dem Österreicher Markus Peichl nun ein erfahrener Redaktionsleiter eingesetzt wurde und die Sendung seit Montag in neuem Studiodesign on air geht, ändert für Kissler nur wenig an der Krisenstimmung. „Das Format ist auch durch derlei Retuschen nicht mehr zu retten“, bleibt Kissler pessimistisch. Seine Prognose: „Nach der Sommerpause wird ‚Gottschalk live‘ wohl nicht mehr fortgesetzt.“

Doch woran liegt‘s, dass einem Medienprofi wie Gottschalk und einem erfahrenen Sender wie der ARD ein solcher Misserfolg ins Programm rutschen konnte? „Bei ‚Wetten, dass..?‘ war Gottschalk ein gutgelaunter Ansager, der seinen Job sehr gut gemacht hat. Als charmanter Lausebengel konnte er mit Weltstars auf dem Sofa plaudern und launig Wetten anmoderieren. Jetzt fehlen ihm die Weltstars und die Wetten. Geblieben ist nur das Sofa. Und das ist ein bisschen wenig“, analysiert Kissler – und kritisiert im selben Atemzug auch den mangelnden redaktionellen Unterbau des Formats. „Gottschalk müsste sich mehr für seine Gäste interessieren, ihnen interessantere Fragen stellen – in einer Nettospielzeit von 28 Minuten bedarf das aber einer gründlichen Vorbereitung.“

Ähnlich kritisch wie Kissler beäugt auch das deutsche Feuilleton den Verlauf von „Gottschalk live“. Und fährt damit einen komplett entgegengesetzten Kurs zur Bild-Zeitung, die dem Blondschopf auffällig offensiv die Stange hält. Für Kissler ist das nicht ungewöhnlich: „Trotz seiner Probleme bleibt Gottschalk ein Sympathieträger, dem man ein Scheitern nicht gönnt. Die Bild-Zeitung, die bekanntlich die Massen anzieht, stilisiert sich durch eine positive Berichterstattung zum öffentlichen Seelentröster.“

Neo-Redaktionsleiter Peichl will indes nicht getröstet werden. Im Interview mit dem Internetradio radioeins gibt sich der Retter in der Not zuversichtlich und ein „Wir schaffen das“ zu Protokoll. Mit „wir“ ist übrigens Gottschalk allein gemeint. Die Idee eines weiblichen Sidekicks hat Peichl nämlich wieder verworfen. Begründung: „Das wäre für die Sendung nicht richtig.“ Kissler hat da eine andere Meinung: „Gottschalk ist für ‚Gottschalk live‘ der Falsche.“

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