02.04.2012, 14:58 
Architektur

Der tragische Scherz namens Leben

Gefeierte Neuinszenierung am Tiroler Landestheater: Dirigent Christoph Poppen und Regisseurin Brigitte Fassbaender präsentieren Verdis „Falstaff“ geistreich, sprühend, hintergründig.
Susanne Langbein (Nanetta), Christine Buffle (Alice Ford), Kristina Cosumano (Meg Page), Janina Baechle (Mistress Quickly) (v.li.).
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Eine ausführliche Kritik lesen Sie von Ursula Strohal in der Dienstagsausgabe der Tiroler Tageszeitung.

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Fernsehteams gaben sich in den letzten Wochen am Tiroler Landestheater die Klinke in die Hand, „Falstaff“ als Anlass zu Abschiedporträts für Intendantin Brigitte Fassbaender: Beiträge liefen am Sonntag in ATV und im ORF-„Kulturmontag“, am 9. Februar folgt Servus TV (kulTour mit Holender). Jetzt ist Zeit, jetzt ist Gelegenheit – als wäre die noch so reiche Spielzeit samt Intendanz zu Ende.
Konsequent verfolgt Brigitte Fassbaender in ihren Inszenierungen das Phänomen der widersprüchlichen Lebenshaltungen, sucht Darstellungswege für das Wesen der Bühnenkunst an sich, die Tragikomik. Nun ist diese Suche aufgegangen, in einer fabelhaft klaren, frischen Inszenierung des „Falstaff“, wo die untrennbare Dualität von Komik und Tragik offen zum Thema wird.
Der 80-jährige Verdi, dem nach einem dramatisch beschwerten Werk dieses Opernwunder gelang, hatte sich nach „Othello“ einen weiteren Shakespeare-Stoff zur Vertonung gewünscht und „Falstaff“ gewählt: Für ein ultimatives Opus zu einem Zeitpunkt, wo er nur noch für sich selbst schrieb, auf jenen Dichter zurückgegriffen, der zeitübergreifend das Leben lehrt und auf eine Figur, die den Niederungen der Existenz mit letztlich generöser Haltung und einer erreichbaren Philosophie begegnet: „Der Mensch ist als Narr geboren, alles ist Spaß auf Erden.“ Librettist Arrigo Boito lässt den beleibten Sir die Turbulenzen durchmachen, mit denen „Die lustigen Weiber von Windsor“ Falstaffs Intrigenspiel beantworten, und zeigt jene Neigung zu Reflexion und gedanklichem Tiefgang, die ihm Shakespeare in „Heinrich IV.“ zugesteht.
Alle Facetten sind am Rennweg in einer modernen und doch zeitlosen, turbulenten und doch hintergründigen Aufführung zu erleben. Fassbaender durchleuchtet die Geschichte ganz deutlich, zeigt die Mechanismen der Frauen- und Männerspiele, zeichnet die Figuren individuell herrlich durch. Die unterschwellige Härte der Gangart blitzt auf, wenn Falstaff die ausgiebig begrapschten, dann fliehenden Weiber von Windsor zwecks Finalisierung seines Drangs durch eine Tischkante ersetzt und ohnmächtig liegen bleibt. Unklar nur, warum dieser alternde Virtuose der Selbstdarstellung und Selbstironie nicht mit dem Waschkorb in seinen unsauberen Lebensfluss ausgekippt wird, sondern selbst hineinspringt.
Eine Aufführung aus einem Guss. Bühnenbildner Helfried Lauckner zeigt, wie weitläufig und flexibel das Leben sein kann, bevor die Kleinbürger ihre Blickwinkel mehr und mehr zusammenschieben. Auch Falstaff lebt beengt, im britischen Herrenclub „Zum Hosenbande“, von Gemälden bewacht und einem respektabel autoritären Portier (lebensecht: Theaterportier Eberhard Zwölfer) wenig erfolgreich vor Weibervolk bewahrt. Michael D. Zimmermann tobt sich wunderbar bei den Kostümen aus, Fünfzigerjahre mit britischem Flair – Ford ist ein Schotte! –, in der finalen Maskerade alles Shakespeare. Da hat Falstaff das Leben zur Narrheit erklärt und alle stimmen zu.
Motor jeder „Falstaff“-Inszenierung ist der Dirigent. Christoph Poppen hat die Zügel ungemein alert gestaltend fest in der Hand, höchst präzise, rhythmisch geschärft und dadurch auch duftig leicht, gewichtig aber den Subtext ausleuchtend. Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck spielt fabelhaft, macht jeden Scherz, jede Depression, jede Doppelbödigkeit mit. Bernd Valentin zeigt Fassbaenders Falstaff imponierend singend als heruntergekommenen Aristokraten und doch als Mann von Welt, ausgesetzt einer Gesellschaft, die nicht die seine ist. Eine saftige, schillernde Figur aus der Tragikommedia.
Um ihn herum, wunderbar besetzt, das pralle Leben. Costantino Finucci mit seinen unsinnigen Emotionen als kerniger Ford, Joshua Lindsays gedeckter Tenor als Fenton, köstlich Dale Albright als Bardolfo und Sebastian Kroggel als Pistola, Mark Adler als armer Doktor Cajus. Und die Frauen! Stimmlich blitzend die temperamentvolle, verführerische Alice der Christine Buffle, Kristina Cosumanos sehnsuchtsvoll verklemmte Meg Page, Susanne Langbeins süße Nanetta mit blühenden Tönen wohl auf der Karriereleiter und eine Janina Baechle, deren Stimmschönheit und Komödiantik die Mrs. Quickly aufwertet. Sie lässt sich von Falstaff entzünden und man gönnt es beiden.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 02.04.2012  14:58
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