20.02.2012
Literatur

Als die Libido alles beherrschte

Der englische Autor Martin Amis rechnet in „Die schwangere Witwe“ mit den Errungenschaften der sexuellen Revolution ab.

Von Alexandra Plank

Berlin – Aber wenn ich jetzt zurückblicke, scheint dieser Sommer ewig gedauert zu haben, und wenn ich die Chance hätte, würde ich für immer dort sein wollen. Das waren die besten Tage meines Lebens. So besingt der kanadische Musiker Bryan Adams den „Summer of ‘69“.

Ein Jahr später, im Sommer 1970, siedelt Martin Amis seinen Roman „Die schwangere Witwe“ an, in einer Zeit, in der man der Libido freien Lauf ließ. Aus dem Fokus eines alternden Mannes blickt der englische Schriftsteller Martin Amis selbstkritisch auf das „goldene Zeitalter“ zurück, in dem sich Sex vom Gefühl trennte.

„Auch Frauen haben ein Recht auf fleischliche Begierden“, lautete Paragraph zwei des Manifestes der sexuellen Revolution. Weswegen sich nun Frauen wie Männer verhalten, während Männer Männer bleiben. In der sexuell aufgeladenen Atmosphäre eines Schlosses in Italien versucht Keith Nearing, ein 22-jähriger Bücherwurm aus London, den Feminismus für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Keith ist Jahrgang 1949, also exakt so alt wie die ­NATO und wie der Autor Martin Amis, mit dem ihn auch andere Eigenschaften verbinden, etwa die Liebe zur englischen Literatur.

Unter der heißen Sonne pendelt Keith zwischen mehreren Frauen. Da ist zum einen seine On-off-Freundin Lily, die so freizügig wie ein Mann leben möchte, die sich aber selbst im Weg steht, weil sie sich nicht als begehrenswert empfindet. Gleichsam der Gegenpol ist ihre Freundin, das Busenwunder Sheherazade, die wiederum für Keith eine Nummer zu groß ist, ebenso wie für ihren kleinwüchsigen Verehrer Adriano, der Katastrophen für sich gepachtet zu haben scheint und mit seinen 1000 Eroberungen prahlt.

Zuerst von der Clique belächelt wird Gloria, die Frau mit dem Riesenarsch, die Keith anlässlich seines Geburtstages ein freizügiges und verwirrendes Geschenk macht: den ultimativen Seitensprung. Für Keith wird dieser Sommer der Sommer der Entscheidung für ein völlig neues Lebensgefühl. Immer wieder postuliert Keith, dass die Frauen für ihre Reize einen Waffenschein besitzen müssten und die Polizei gegen das freizügige Tun einschreiten sollte. Amis zeichnet das Porträt einer Generation, die sich in Libertinage erst noch üben muss – und er entzaubert den Mythos der freien Liebe. Denn obwohl sie sich feministisch geben, wollen die Mädchen im Endeffekt nur eines: heiraten und Kinder bekommen.

Im Roman dreht sich alles um Sex, der Akt selbst aber bleibt als Unbeschreibliches auch unbeschrieben. Die Protagonisten plaudern hingegen offen über alle Spielarten der körperlichen Liebe. Das Trennen von Sexualität und Gefühlen lässt aber auch Narben zurück.

Die Irrungen und Wirrungen in Italien sind gespickt mit literarischen Zitaten, es drängen sich auch Assoziationen mit Choderlos de Laclos‘ „Gefährliche Liebschaften“ auf. Im Schnelldurchlauf wird Keiths weiterer Werdegang beschrieben. Er heiratet drei Mal, alles Frauen, die im legendären Sommer dabei waren. Im Zeitraffer wird auch das Schicksal der anderen Sommergäste erzählt, samt dem tragischen Ende von Keiths Schwester Violet, die sich wie ein junger Hund gebärdet hat. Auch wenn die Sexualität im Vordergrund zu stehen scheint, hat der Roman noch eine andere Dimension. Durch den Erzähler, der sich jenseits der fünfzig befindet, klingt auch eine Sentimentalität an, die mit der Unwiderruflichkeit des Lebens hadert. Wie schwer Amis selbst mit dem Altern zurechtkommt, belegt die Tatsache, dass er unlängst die Errichtung von Suizidzellen für alte Menschen forderte. Ein Aufschrei war die Folge. Die damit einhergehende Werbung für sein neues Buch dürfte den Bad Boy der englischen Literatur aber kaum gestört haben.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 20.02.2012
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