Kokosnüsse und andere Früchte der Romantik
Steckbrief
Von Sabine Strobl
Innsbruck – Christian Kracht („Faserland“ und „1979“) wurde einst als Pop-Literat gefeiert und dann als wichtige Stimme der deutschsprachigen Literatur wahrgenommen. Jetzt erschien sein Roman „Imperium“, in dem er dem deutschen Auswanderer August Engelhardt (1875–1919) ein zweites Leben einhaucht. In der Literatur dauert sein Leben länger, bis ans Ende des Zweiten Weltkrieges, wo Amerikaner den ergreisten Nudisten, Träumer und Gründer des „Sonnenordens“ auf Kabakon (Papua-Neuguinea) als Kuriosum und Filmstoff entdecken. Als junger magerer Mann ist Engelhardt eine Blüte der Romantik. Ein anderer Romantiker, zieht der Erzähler lächelnd eine Parallele zu Hitler, wäre „vielleicht lieber bei der Staffelei geblieben“. Engelhardt erwirbt im deutschen Schutzgebiet der Südsee eine Kokosnussplantage. Kokovore will er sein, sich nur noch von Kokosnüssen ernähren. Beim Kommen und Gehen der Jünger spielt er mit dem Gedanken, sein Leben als Kunst zu sehen. Die europäische Kolonialgeschichte wird zum Thema. Kracht greift das unrühmliche Kapitel scheinbar locker an. Sein Erzähler ist ironisch, manchmal zynisch und spielt mit dem gehobenen Ton von Intellektuellen in der anbrechenden Moderne, er nistet sich in den Köpfen der damaligen Figuren, der Halsabschneider, Einheimischen und Illusionisten ein. Gleichzeitig stellt der Jongleur klar, wie sehr er im Gegensatz zu den Protagonisten den Verlauf des vergangenen Jahrhunderts kennt. Die Zeitformen wechseln zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wer kann da schon sicher sein, ob mit sinnentleerter Gesellschaft die einstige oder die heutige gemeint ist.
Soweit ein „Abenteuerroman“, wie die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek auf dem Buchumschlag schreibt.
Die ersten lobenden Kritiken waren schon eingetrudelt, als Georg Diez im Nachrichtenmagazin Der Spiegel Christian Krachts „Nähe zu rechtem Gedankengut“ heftig zu bedenken gab. Der Kritiker leitet seine Einschätzung auch vom Briefwechsel „Five Years“ (u. a. über die Kolonie Nueva Germania) zwischen Christian Kracht und dem Amerikaner David Woodard her. Krachts Verleger Helge Malchow antwortete diese Woche mit einer Gegenrezension. In ihr verwies er auf die Selbstverständlichkeit, dass die Stimmen von Romanfiguren nicht mit einem „politischen Manifest“ des Autors gleichzusetzen sind. In das gleiche Rohr blasen 13 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, darunter Elfriede Jelinek und Daniel Kehlmann, in einem offenen Brief an den Spiegel. „Wenn diese Art des Literaturjournalismus Schule machen würde, wäre dies das Ende jeder literarischen Phantasie, von Fiktion, Ironie und damit von freier Kunst“, heißt es in dem Schreiben, nachzulesen auf der Internetseite des Verlages Kiepenheuer & Witsch. Die Literaturszene steckt also mitten in einer Debatte über ihre Methoden. Kritikerin Iris Radisch erklärt in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit, dass mit solchen „Literaturseminar“-Ansprüchen und ohne Blick auf die Realität nur eine „zahnlose Kritik“ möglich wäre. Auch der österreichische Bestsellerautor Daniel Kehlmann wurde zum Interview gebeten. Sein Buch „Die Vermessung der Welt“ ist Krachts „Imperium“ thematisch nahe, hat Kehlmann doch auch einen deutschen Abenteurer, den Naturforscher Alexander von Humboldt, zur Romanfigur gemacht. Kehlmann sieht Kracht in seinen Werken „von der Ästhetik totalitärer Systeme fasziniert“. Der Vorwurf (rechtes Gedankengut zu verteten) wiege hierzulande außerordentlich schwer, sagt Kehlmann weiter, „das kann regelrecht vernichten“. Vorläufig hilft der Skandal, die Bestsellerlisten hinaufzuklettern.



