21.04.2012
Architektur

Verzweifelte Suche nach Seelenfrieden

Wien – „Ich hatte keine Kindheit“ war die bittere Bilanz, die der 1936 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete US-Dramatiker Eugene O’Neill aus dem „Überleben“ seiner frühen Jahre zog. Schenkt man den Schilderungen seiner Witwe Glauben, so war das Schreiben seines letzten Theaterstücks „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ (1941/42) eine Art schmerzvolles Reinigungsritual, mit dem O’Neill versuchte, die ihn quälenden Erinnerungen an seine verquere Familiengeschichte zu bearbeiten.

Im Theater in der Josefstadt erlebte am Donnerstag das eher selten gespielte Stück in etwas abgeschlankten Form eine äußerst matte Premiere. Verantwortlich für den Abend zeichnet der deutsche Regisseur Torsten Fischer, in Wien zuletzt mit seiner Inszenierung von Glucks „Telemaco“ am Theater an der Wien zu Gast. Er lässt in seiner merkbar konzeptlosen Herangehensweise, in einem übrigens ebensolchen Bühnenraum (Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos), die Schauspieler über weite Strecken im Stich, was ein Konzert falscher Emotionen nach sich und den eigentlich kurzen Abend quälend in die Länge zieht. Dabei böte dieses gewaltige und gewalttätige, selbstzerstörerische Familien-Spiel um den Patriarchen James Tyrone (nicht zufällig nimmt der Name Anleihe am Begriff des „Tyrannen“), an dessen wehleidigem Egoismus die Ehefrau wie die zwei Söhne zerbrechen, ein ungeheures Spektrum menschlicher Abgründe, Widersprüchlichkeiten und nicht zuletzt auch Humor.

Vergeblich müht sich da ein durchaus ambitioniertes Ensemble um die Szenen, angeführt von Helmuth Lohner, der der Rolle des alternden Schauspieler-Über-Vaters James doch bemerkenswerte Facetten abgewinnt. In Ulli Maiers Darstellung der morphiumsüchtigen Ehefrau Mary blitzen ebenso immer wieder starke Momente auf, sie kämpft aber sichtlich mit der inszenatorischen Planlosigkeit, die auch Markus Gertken (James Tyrone jr.) und Michael Dangl (Edmund) zu schaffen macht. So geraten die dichten Szenen, in denen etwa der Vater verbale Müllberge über den lungenkranken Edmund kippt, oder die Söhne in ihrer Einsamkeit aufeinander losgehen, zur vordergründigen Bühnenübung und der Abend trotz einer gelungenen Besetzung zur Enttäuschung. (lietz)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 21.04.2012
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