Literaturkritikerin Sigrid Löffler: „Gefällt mir, kann jeder sagen“
|
„Wenn ein Buch grottenschlecht ist, will ich mich nicht damit beschäftigen“, sagt Sigrid Löffler.
Foto: Thomas Boehm / TT
|
||
Wer sagt uns heutzutage, was wir lesen sollen?
Sigrid Löffler: Das bestimmen in erster Linie Marktstrategen, die in der Regel unsichtbar bleiben. Leser wissen beim Betreten einer Buchhandlung meistens nicht, dass alles, was sie dort sehen, das Produkt eines langfristigen und raffinierten Marketing- und Medienkonzeptes ist. Lektüreentscheidungen sind nicht so frei, wie man gerne glauben möchte.
Noch vor ein paar Jahren gab es zwischen dem Markt und den Lesern eine dritte mächtige Instanz im Literaturbetrieb, die Literaturkritik. In letzter Zeit waren literaturkritische Debatten geprägt von einem starken Hang zur Polemik. Sind Polemiken, wie Georg Diez’ Abrechnung mit Christian Kracht im Spiegel, das einzige Mittel der Literaturkritik gegen den Bedeutungsverlust?
Löffler: Man kann fast den Eindruck haben, dass es manchen Leuten darum geht, sich zu profilieren, indem sie eine Polemik anzetteln. Das lässt sich gar nicht leugnen. Und natürlich stimmt es auch, dass die Literaturkritik nicht mehr die wichtigste Vermittlerin zwischen dem Buchmarkt und dem Leser ist. Da sind andere, weniger exponierte Figuren am Werk. Die Literaturkritik ist ziemlich verdrängt worden. Wenn Leute gefragt werden, warum sie dieses Buch gelesen haben, sagen nur noch die Wenigsten, weil sie eine hinreißende Kritik in der Zeitung gelesen haben. Gleichwohl glaube ich, dass die Literaturkritik gerade im deutschen Sprachraum eine gewisse Widerständigkeit beweist. Nicht zuletzt, weil es ein paar wirklich gute und engagierte Literaturkritiker gibt und sich wenigstens die großen Zeitungen sich einen umfangreichen Literaturteil leisten.
Es haben sich neue Formen der Kritik entwickelt. Leser benoten Bücher im Internet. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Löffler: Richtig ernst nehmen kann ich das nicht. Man kann nicht nachvollziehen, wer hier bewertet. Jeder kann ein Buch beurteilen. Das geht völlig in Ordnung. Man kann das auch demokratisch nennen, aber es ist eben auch beliebig. Es fehlt die Verbindlichkeit, die Legitimation. Welche Beweggründe hat der Rezensent? Mittlerweile weiß man, dass zahlreiche Jubelkritiken im Internet von Verlagen in Auftrag gegeben wurden.
Kritiker sind genauso Teil des Literaturbetriebs, wie Autoren oder Verleger. Man kennt sich und bisweilen ist man sogar befreundet. Wie unabhängig ist die Literaturkritik?
Löffler: Ich glaube nicht, dass diese Form der Vernetzung das Urteil der Literaturkritiker trüben muss. Aber es ist richtig, dass dieses Netz feinmaschiger geworden ist. Es gibt Angebote und Anfragen und man muss sich natürlich jedes Mal aufs Neue fragen: Kann ich dieses Buch guten Gewissens vorstellen oder bin ich vielleicht doch befangen? Sollte das der Fall sein: Finger weg!
Was macht eine gute Literaturkritik aus?
Löffler: Die Begründung. Gefällt mir, kann jeder sagen. Aber ein ernstzunehmendes Urteil muss überzeugend begründet werden. Idealerweise sollte es auch noch brillant formuliert sein. Eine gute Kritik löst beim Leser einen Emanzipationsprozess aus. Eine Kritik ist kein Beipackzettel für Texte, sondern eine Aufforderung, sich selbst mit dem Buch auseinanderzusetzen, auch um zu überprüfen, ob der Kritiker Recht hat.
F. C. Delius sinniert in seinen Erinnerungen, warum er kein Kritiker, sondern Dichter geworden ist. Warum sind Sie Kritikerin geworden?
Löffler: Vielleicht, weil ich frecher bin als Delius. Ich hatte schon immer große Lust, mich einzumischen und meine Meinung sagen. Vielleicht bin ich auch selbstbewusst genug, zu glauben, dass ich das besser kann als die meisten anderen. Ich bin fest davon überzeugt, dass man ohne Frechheit kein Kritiker werden kann. Als Kritiker macht man sich Feinde, macht sich angreifbar. Ich setzte meinen Ruf mit jeder Kritik aufs Spiel.
Gibt es eine Kritik, die Sie lieber nicht geschrieben hätten?
Löffler: Aber ja. Ich habe manche Bücher verkannt. „Auslöschung. Ein Zerfall“ habe ich in seiner Bedeutung nicht erkannt. Erst beim Wiederlesen habe ich erkannt, dass es eines der wichtigsten Bücher von Thomas Bernhard ist.
Ganz ehrlich, schon mal ein Buch besprochen, das Sie nicht gelesen haben?
Löffler: Nein. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das geht. Ich jedenfalls könnte das nicht.
Was macht mehr Spaß: loben oder kritisieren?
Löffler: Ein Verriss bietet einem mehr stilistische Freiheit. Die wenigen Lobesformeln, die es gibt, werden schnell langweilig. Als junge Kritikerin habe ich gern verrissen – auch um mir einen Namen zu machen. Aber inzwischen bevorzuge ich Würdigungen. Wenn ein Buch grottenschlecht ist, habe ich keine Lust, mich damit zu befassen. Manchmal erwacht aber auch die Lust, Leute, von denen ich glaube, dass sie überschätzt werden, ein bisschen zurechtzustutzen.
Seit Jahren geistert der Tod des Buches durch die Feuilletons, obwohl mehr Bücher publiziert werden als jemals zuvor ...
Löffler: Eine paradoxe Situation, aber kein Grund zur Panik. Literarische Texte wird es auch in Zukunft geben, ob sie gedruckt werden oder als E-Book vertrieben, ist heute noch nicht absehbar. Ich lese inzwischen viele E-Books. Bedenklicher ist das Verschwinden der Leser. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Bücher auf immer weniger Leser treffen.
Wie geht es der deutschsprachigen Literatur gegenwärtig?
Löffler: Letztendlich finde ich, dass die deutsche Literatur etwas an thematischer und stofflicher Enge laboriert. Es gibt viel Kleinklein, Narzissmus und überdimensionale Egos. Scheinbar interessieren sich die meisten Autoren mehr für Beziehungskisten in Berlin-Mitte als für sonst was. Ich habe das Gefühl, dass Zuwanderer, auch solche, die erst die deutsche Sprache erlernen mussten, mehr zu erzählen haben. Da ist mehr Welthaltigkeit. In Österreich ist die Situation ein bisschen anders, weil österreichische Autoren traditionell eine größere Sensibilität für sprachliche Veränderungen haben und dadurch, bestenfalls, auch den Blick auf die Welt. Dieser Unterschied hält den deutschen Literaturbetrieb allerdings nicht davon ab, österreichische Literatur selektiv zu vereinnahmen.
Welche Bücher haben Sie in der letzten Zeit mit Begeisterung gelesen?
Löffler: „Blumenberg“ von Sibylle Lewitscharoff und Michael Ondaatjes „Katzentisch“ habe ich mit großer Freude gelesen. Die letzten drei Wochen habe ich mit Péter Nádas‘ „Parallelgeschichten“ verbracht. 1750 Seiten. Keine angenehme Lektüre, aber ein Buch, wie es bisher keines gegeben hat.
Das Gespräch führte Joachim Leitner
aktualisiert: Fr, 16.03.2012 08:39



