21.03.2012
Architektur

Hoffmann in der Geisterbahn

Hollywood-Legende William Friedkin wagte sich im Theater an der Wien an Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Ein szenisch wie musikalisch flauer Abend.

Von Stefan Musil

Wien – Manchmal wünscht man sich jene Brille, die dem Dichter Hoffmann die Puppe Olympia zur schönsten Traumgestalt verwandelt – und einen entsprechenden Hörapparat obendrein. Die jüngste Premiere im Theater an der Wien wäre so ein Fall dafür. Offenbachs unvollendet gebliebener Musiktheaterstreich „Hoffmanns Erzählungen“ stand auf dem Programm. Dabei kann man dem Theater gar nicht den Vorwurf machen, einiges versucht zu haben, einen besonderen Abend zu bieten. William Friedkin wurde als Regisseur geholt. Der hat sich mit seinen Filmen „The French Connection“ (1971) und dem Horror-Thriller „The Exorcist“ (1973) in die Annalen Hollywoods eingeschrieben. Seit Längerem widmet er sich auch der Oper. Sein Wiener Debüt in diesem Genre wurde daher mit Spannung erwartet. Zum anderen engagierte man Publikumsliebling Kurt Streit für die Titelpartie. Schließlich bot man noch eine Fassung, die auf dem jüngsten Rekonstruktionsversuch von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck basiert. Drei vermeintliche Trümpfe, die jedoch nicht stechen wollten.

Mit seinem Exorzisten mag Friedkin vor knapp 40 Jahren am Puls der Zeit gewesen sein, als Opernregisseur ist er es nicht. Seine „Hoffmann“-Inszenierung lässt sich im besten Fall als brave Opernregie bezeichnen. Vieles wird an der Rampe absolviert, manche Figuren, wie Giulietta, deren spielerisches Vokabular kaum weiter reicht als über Stehen mit der Hand an der Hüfte, sind alleingelassen. Dafür gibt es im Venedig-Akt eine Liebesinsel, auf der sich Statistenkörper im Sexspielandeuten ergehen. Was vermutlich als Aufreger gemeint ist, wirkt jedoch nur lächerlich. Friedkin bemüht auch einen Hauch von Martial Arts und lässt Hoffmann mit Schlémil einen Stangenkampf vollführen, bei dem dann eine der Waffen bricht und beinahe in den Orchestergraben donnert. Sogar vor Selbstreferenzen schreckt Friedkin nicht zurück. So klingt der Antonia-Akt im Exorzisten-Bett aus, um das Dr. Miracle als Prediger herumturnt. Und wenn sich die Stimme der toten Mutter als Skelett unter der Bettdecke entpuppt, sorgt das für einen billigen Geisterbahn-Effekt. Dass sich das alles in den seit Langem hässlichsten und simpelsten Dekors (Michael Curry) abspielt, tut sein Übriges.

Kurt Streit in der Titelpartie erwies sich leider schnell als Fehlbesetzung. Dazu klingt sein heller, lyrischer Tenor zu wenig geschmeidig und besonders in der Höhe matt und angestrengt, so dass man den ganzen Abend darüber staunt, warum sich der so geschätzte Sänger diesen Fehlgriff im falschen Fach antut. Aber auch seine Partner reichen kaum übers Mittelmaß hinaus. Aris Argiris orgelt die Bösewichte eher ungeschlacht und um Dämonie bemüht, Roxana Constantinescu ist eine brave Muse, Mari Eriksmoen liefert artig ihre Olympia-Koloraturen ab, Juanita Lascarros Antonia zeigt sich vor allem schrill, angestrengt und mit technischen Mängeln und Angel Blue lässt als Giulietta eine aparte Stimme hören, scheint aber mit ihrer Partie wenig anfangen zu können. Die übrigen Kleinrollen sind unauffällig brav besetzt, der Schoenberg Chor singt in gewohnter Qualität.

Die neue Fassung, die aus wiederentdeckten Fundstücken von nach Offenbachs Tod verstreutem Notenmaterial zusammengebastelt wurde, kann nicht überzeugen. Dafür bieten die hinzugekommenen Novitäten zu wenig Substanz und blähen den Abend auf weit über drei lange Stunden Spieldauer aus. Der uninspiriert und unsensibel den Takt schlagende Riccardo Frizza am Pult der diesmal weit unter Niveau aufspielenden Wiener Symphoniker zieht den mäßigen Abend dann noch weiter hinab. Kein Wunder, dass dem Publikum am Ende die Lust zum großen Jubeln vergangen war.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 21.03.2012
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