Der Traumreisende
Von Christian J. Winder
Radebeul – Jeder von uns hat seinen Zugang, seine erste Begegnung mit der Welt des Karl May. Bei mir war es zuerst das Kino, die „Winnetou“-Trilogie im Nachmittagsprogramm auf der großen Leinwand, Pierre Brice als legendärer Apachen-Häuptling und Lex Barker in der Rolle des Old Shatterhand. Wenig später dann die Fernsehfassung des Orient-Zyklus mit Karl-Michael Vogler. Die Bücher kamen erst später dran, dafür aber mit Intensität.
Hundert Jahre ist es her, dass Karl May gestorben ist, kurz nach einem großen Auftritt in den Wiener Sophiensälen vor rund 3000 begeisterten Zuhörern, die Old Shatterhand live erleben wollten. Die Inszenierung hatte dem Sohn eines Webers aus Ernstthal im Erzgebirge gefallen, er war wohl einer der Ersten, die für ihre Literatur mit dem entsprechenden Marketing für Aufsehen gesorgt hatten: Vor allem jene Reiseerzählungen, die ihn schon sehr früh bekannt und wohlhabend gemacht haben, sind in der Ich-Form erzählt, May schlüpft in die Rolle des Eisenbahn-Ingenieurs aus Germany, der als Old Shatterhand der treue Freund der guten Indianer wurde. Das erzählende Ich präsentierte er auf Postkarten bei seinen Auftritten vor dem Publikum: Im Leder-Gewand, die Silberbüchse Winnetous zur Hand, das verschafft Authentizität, reißt die Leser mit.
„Der weiß, wovon er schreibt“, war wohl das Unterscheidungsmerkmal schlechthin zu vielen anderen, die Abenteuergeschichten verfassten. In der „Villa Shatterhand“ hat der Vielschreiber einen Kosmos geschaffen, aus seinem Kopf heraus, angelesen aus einer Fülle von Reiseliteratur und geografischen Texten und versehen mit seiner humanistischen Friedensbotschaft, die alle Menschen auf dem Globus (und er hatte ja viele der Völker besucht), in gegenseitigem Verständnis und Respekt einen sollte.
Da passte es genau, dass die große Bertha von Suttner, die als erste Frau 1906 den Friedensnobelpreis erhielt, zu den Zuhörern in den Sophiensälen zählte, wo May mehr über den Frieden unter den Völkern als über die abenteuerlichen Reisen sprach. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges sicher kein selbstverständliches Unterfangen.
Gerade das aber macht wohl den Reiz und die Nachhaltigkeit von Karl May und seinen Ideen aus: Er ist uns ein Vertrauter aus den Tagen der Kindheit: „Es ist das Grundthema auch so vieler Kinoschöpfungen von Steven Spielberg: Dass es jederzeit ein Zurück in die Kindheit und Jugend gibt und auf dem Weg in das von Gesetzen und Handlungsanweisungen zugestellte Leben der Erwachsenen Kehrtwendungen möglich sind,“ bringt es Rüdiger Schaper in seinem Buch „Karl May“ (Siedler, 239 Seiten, 20,60 Euro) auf den Punkt.
Und erwischt einen damit genau: Der Klingelton für meine besten Freunde ist das Winnetou-Thema.



