Ansingen gegen die Dunkelheit
Von Bernadette Lietzow
Wien – Das am vergangenen Samstag im Akademietheater uraufgeführte Stück des 1967 in Göttingen geborenen Autors Roland Schimmelpfennig dreht sich, und banaler kann man es nicht formulieren, um einen Verkehrsunfall mit Personenschaden: Ein Kind kommt ums Leben. Worüber man in den Chronikmeldungen bedauernd hinwegliest, hält das bisherige Leben der von einem derartigen Schicksal Betroffenen in einem Maß an, das das Morgen fast unerträglich erscheinen lässt.
Rund um diesen fatalen Gefrierpunkt baut der vielfach ausgezeichnete Autor von Bühnenwerken wie „Besuch bei dem Vater“ oder „Der goldene Drache“ sein Drama „Das fliegende Kind“. Eher einem dramatischen Gedicht denn einem klassischen Theatertext gleich, entwickelt sich vielstimmig die tragische Geschichte des „Jungen mit dem strahlenden Gesicht“, der ganz erfüllt ist von der Aufregung des alljährlichen Laternenumzugs und dessen Kinderglück durch den Zufallsfund eines schwarzen Matchbox-Mercedes vollkommen scheint. Ihm kann die Unruhe von Mutter und Vater nichts anhaben, die, beide auf Seitensprung-Abwegen, danach trachten, ihrem Objekt der Begierde bald nah zu sein. Während im Untergrund drei Tunnelarbeiter, nach „Beschleunigung“ und „Abkürzung“ grabend, über ihr Schicksal sinnieren, und hoch droben im Glockenturm ein Arbeiter werkt, erfüllen Martinslieder aus Kinderkehlen die Kirche. Danach, als der Vater des Jungen eilig dem erhofften Wiedersehen mit der Regenwaldforscherin entgegenstrebt und sein neues, schwarzes Luxusgefährt mangels Beherrschung mit dröhnendem Autoradio und ohne Licht durch die Straßen hetzt, wird sein Sohn den rettenden Park nochmals Richtung Fahrbahn verlassen – auf der Suche nach dem Spielzeugauto.
Es mutet fast wie eine griechische Tragödie an, dieser „Mord“ am eigenen Kind, während die Mutter, das schlafende Geschwisterchen im Arm, mit ihrem Liebhaber fröhlich den Laternenzug begleitet. Schimmelpfennig, der die Regie selbst übernahm, wählt auch eine an die Form griechischer Praxis angelehnte Bühnensprache. Die sechs Personen seines Stückes, wie schon in „Der goldene Drache“ Christiane von Poelnitz, Barbara Petritsch, Falk Rockstroh und Johann Adam Oest, perfekt ergänzt durch Regina Fritsch und Peter Knaack, agieren teils als Chor, perpetuieren einzelne Passagen oder treten abwechselnd vor. Im schwarzen Bühnengeviert (Johannes Schütz) sind es die Schauspieler, denen aller Raum gegeben wird, im Zuschauer die verschiedenen Ebenen erstehen zu lassen, vom Kircheninneren, dem sirrenden und schmatzenden Regenwald bis hin zur Küche, in der die Trauer den Atem nimmt.
Es ist dem ergreifend aufrichtigen Spiel der Schauspieler zu danken, dass Szenen wie jene des Entschwebens der Kinderseele, wenn auf dem Weg ins Nirgendwo „das fliegende Kind“ eine von philosophischen Fragen bestimmte Rast beim Arbeiter im Glockenturm einlegt, nicht zum sentimentalen Kitsch verkommen. Oder wenn es möglich ist, die grausame Parallelität von Katastrophe und Lebensleichtigkeit glaubhaft darzustellen.



